Fürstlich
                Waldecksche Hofbibliothek Arolsen
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Geschichte der Hofbibliothek

(vgl. dazu den grundlegenden Aufsatz von H. Broszinski: Bausteine zu einer Arolser Bibliotheksgeschichte)

16. Jahrhundert
Gewissermaßen die Keimzelle der Bibliothek waren die 400 Werke – Handschriften und Drucke -, die aus dem nahe bei Arolsen gelegenen Augustiner-Chorherrenstift Volkhardinghausen kamen, als dies 1576 endgültig aufgehoben wurde. Neben dem üblichen liturgischen, exegetischen (Beispiel: Petrus Ravennas, Sermones, Köln 1507, III 47c-d/1: vorderer Spiegel (Hand des Joh. von Deventer, seit 1531 Procurator, 1542 Prior) mit Hs.-Falz, Titelbl.) und theologischen (Beispiel: Hermann Bode, Unio dissidentium, Köln 1533 III 47c-d/4, Titelbl. mit Falz Missale 12. Jh.) Rüstzeug befanden sich wenige Bände reformatorischen und humanistischen (Beispiel: Erasmus v.Rotterdam, Basel 1535, III 47c-d3: Titelbl. mit Falz) Schrifttums darunter. In diese Bibliothek aufgegangen war auch die Büchersammlung des Waldeckischen Historiographen und „Kleinhumanisten“ Konrad Klüppel (um 1490-um 1541, sein Gelehrtenname war Conradus Scipio), der einen Freitisch im Kloster hatte und ein wahrer Büchernarr gewesen ist (Beispiel: Andreas Alciatus, III 22a-f/23, Titelbl.). Da er auch Syndikus des St. Peter-Kollegiatstiftes in Fritzlar gewesen war, besaß er juristische Werke, die er dann den Volkhardinghäuser Chorherren hinterließ (Beispiel: Johannes Chappuis, Sexti libri decretalium comp., Paris 1510, III 44 f 10, Holzschnitt + fol.1). Leider wurde 1856 der überwiegende Teil verkauft.

17. Jahrhundert
Über die Erwerbungen des 17. Jahrhunderts (Beispiel: Wilhelm Dilich, Ungarische Chronica, Kassel 1606, Bl.29/30, I 118° 17) – heute zwei Prozent des Gesamtbestandes - sind wir nur unvollkommen unterrichtet. Der größere Teil kam offenbar um 1900 über die unten beschriebene „Schaumburger Erbschaft“ ins Haus.

18. Jahrhundert
Das 18. Jahrhundert war die große Zeit der Bibliothek. Sowohl Fürst Anton Ulrich (reg. 1692-1728), der Erbauer des Schlosses, wie auch sein zweiter Sohn Carl August Friedrich (reg. 1728-1763) und vor allem dessen Gemahlin, Christiane von Pfalz-Zweibrücken (1725-1816, mit ihm vermählt 1741), sowie – in ganz exzeptioneller Weise - deren gemeinsamer Sohn Friedrich (reg. 1766-1812), waren – jeweils mit unterschiedlichen Interessen – um die Vermehrung und Institutionalisierung der Bibliothek bemüht. Unter dem ersteren wurde 1726 ein richtiger kleiner Bibliotheksetat eingerichtet: 100 Reichstaler; davon stammten jeweils 50 aus der Kriegskasse und 50 aus der Pyrmonter Brunnenkasse. Er teilte mit seinem Nachfolger ein ganz handfestes Interesse am Nützlichen: Staatspolitische und juristische Werke, darunter auch schon mal Gruseliges (Beispiel: Lips Tullians..., Falttafel nach S. 212 III 39a 6).

Fürstin Christiane hat in ihrem langen Leben eine Bibliothek von etwa 10.000 Bänden zusammengebracht; als Wilhelm von Humboldt sie 1788 besuchte, schätzte er die im Witwenpalais aufgestellte Sammlung voll Bewunderung auf 6.000. Leider wurde sie 1820 versteigert, nur wenige heute noch nachweisbare Bände zeugen von vergangener Pracht (Beispiel: Desmarets, Iphigénie en Tauride, Besitzeintrag, II 25d 18).

Ihr Sohn Friedrich war ein Büchernarr par excellence; er prägte das eigentliche Gesicht der Bibliothek, ließ Kataloge anlegen, vergab Signaturen und sorgte – ganz ein Kind seiner Zeit – für einheitliche Einbände: Braunes Kalbsleder mit schlichter Goldverzierung (Beispiel: Théatre de Pierre Corneille, 1, Paris 1764, II 138c / 1), Halblederbände mit schönem Buntpapier (Beispiel: Feldzüge des Marschalls von Luxemburg, Potsdam 1783, II 67f /19) und seinem Wappen als Supralibros. Da er bei einheimischen Buchbindern arbeiten ließ, gibt seine Bibliothek auch rein äußerlich ein Bild guter Waldecker Handwerkskunst ab. Ganz in barocker Tradition wurden die Bücher im Bibliothekssaal der Größe nach aufgestellt: Die Folianten auf den unteren Regalbrettern, darüber die Quartbände, darüber die im Oktavformat, darüber schließlich die in Duodez oder Sedez. Er liebte französische (Beispiel s.o. II 138c / 1, Frontispiz u. Titelbl.) und deutsche Literatur (Beispiel: Fr. Nicolai: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker, II 51a 2 / 10, Titelbl u. Widmung), Reisebeschreibungen (s.o.), Kunstgeschichte (Beispiel: Winckelmann, Monumenti antichi inediti, Rom 1767, II 2b 6, Titelbl.), liebte Theater und Musik (Beispiel: Musikalisches Handbuch, II 11 d 25[1782, Frontispiz und Titerlbl.). Seine Bücher tragen deutliche Benutzungsspuren (s.o. Corneille): Er kaufte also nicht nur der Repräsentation und Reputation halber, er las auch.

19 und 20. Jahrhundert
Friedrichs Bruder Georg (1747-1813), der ihm 1812 folgte, brachte aus Pyrmont, wo er zuvor residiert hatte, seine beträchtliche Bibliothek mit. Die Bände lassen sich leicht erkennen: Alle tragen auf dem Vorderdeckel sein Supralibros (Beispiel: G.W. mit Krone, I 103 c 15). Inhaltlich handelt es sich überwiegend um historische und geographische Werke, aber auch um Militaria.

Um 1900 kam durch Erbschaft die bedeutende Bibliothek der Fürsten von Anhalt-Bernburg-Schaumburg nach Arolsen, die reich an juristischen Werken und Chroniken ist (Beispiel: Samuel Lentz, Historisch-Genealogische Fürstellung des Hochfürstl. Hauses Anhalt, Cöthen 1757, I 100 n 4, Frontispiz u., Titelbl.), aber auch an „schöner Literatur“ ist. Von besonderem Interesse ist die Bibliothek der „Schaumburgischen Lesegesellschaft“, die von 1781-1817 auf Schloß Schaumburg an der Lahn bei Dietz existiert hat (Beispiel: Wichtige bisher noch ungedruckte Acten-Stücke ..., 1794, III 39a 43, Titelbl. und Eintrag). Neben dem Fürsten waren die bürgerlichen Honoratioren vom Pfarrer bis zum Förster die Leser, jeder durfte nur für 14 Tage entleihen; gelesen wurde deutsche Literatur durchaus unterschiedlichen Niveaus,: von Schiller bis hinab zur Gruselgeschichte.

Seit dem Tod des Fürsten Georg (1813) wurden die Bestände nicht mehr regelmäßig vermehrt; Zuwachs erhielt die Bibliothek durch Geschenke an die fürstliche Familie – und das waren oft repräsentative Bände (Beispiel: Fritz Geiges, Unser Lieben Frauen Münsten zu Freiburg ..., 1896, II 15 b 3). Regelmäßig gehalten wurden nur politische, literarische und Kunstzeitschriften, die heute nicht nur wegen ihrer Texte und Abbildungen, sondern vor allem wegen der Annoncen jener Zeit so interessant sind (Beispiel: Moderne Kunst, 1911, Beilage, S. 1 und hinterer Umschlag, II 24 b3 3 und Cacao).