Fürstlich Waldecksche Hofbibliothek Arolsen

 
aktuelle Veranstaltungen
Jahresbericht_2002 (WLZ)
Jahresbericht 2003 (WLZ)
Jahresbericht 2005 (WLZ)


Aktuelle Veranstaltungen in der Hofbibliothek

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Jahresbericht 2002
(von PD Dr. Jürgen Wolf)

"Gefriertruhe bewahrt literarische Schätze vor Ruin"

Zeitungsbericht zur Jahreshauptversammlung der ‚Freunde der Hofbibliothek’ im Residenzschloß Bad Arolsen

Abgedruckt in: WLZ Nummer 97 - Freitag 26. April 2002 

Ovid begeistert die Zuhörer/Hofbibliothek bald im Internet

Das Arolser Schloß bietet mit der fürstlichen Hofbibliothek eine weit über die Grenzen Waldecks bekannte Schatzkammer der Buchkunst und Literatur. Seit vielen Jahren kümmern sich die ‚Freunde der Hofbibliothek’ um die wertvollen Buchbestände. Ziel ist es, die unersetzbaren Schätze einerseits vor dem Verfall zu bewahren und sie andererseits einer interessierten Öffentlichkeit auch und gerade im heimatlichen Fürstentum zugänglich zu machen. Wie schwierig beides ist, kam im Jahresrückblick Fürst Waldecks, dem Vorsitzenden der ‚Gesellschaft der Freunde der Hofbibliothek’, deutlich zum Ausdruck:
Ein Wasserschaden drohte im vergangenen Jahr zahlreiche Bände endgültig zu ruinieren. Der Schimmelpilz hatte aber nicht mit der fürstlichen Gefriertruhe gerechnet. Die durchnäßten Bücher wurden kurzerhand tiefgefroren und anschließend von einem Restaurierungsexperten gefriergetrocknet. Die Schäden konnten mit diesem technischen Trick in Grenzen gehalten werden. Beinahe schwieriger war und ist es, Leser in die Hofbibliothek zu locken. Der jeweils Dienstags (10.00-14.00 Uhr) und Freitags (8.00-12.00 Uhr) geöffnete Lesesaal wurde hauptsächlich von weitgereisten Besuchern genutzt. Anscheinend hat sich in Bad Arolsen bzw. in Waldeck noch nicht herumgesprochen, welche interessanten Lesefrüchte auf ihre Entdeckung warten.
Eine Eindruck von der Faszination dieser Lesefrüchte bekamen die Zuhörer postwendend geliefert. Fürst Waldeck berichtete von dringend notwendigen Restaurierungs- und Bindearbeiten, die im vergangenen Jahr mit Mitteln der ‚Freunde’ finanziert wurden und legte sein Augenmerk auf eine besonders wertvolle Ovid-Ausgabe aus dem Jahr 1702. Der extrem verschimmelte Band erstrahlt nun wieder in neuem Glanz. Nur einige schwarze Flecken erinnern an den gerade noch abgewendeten Untergang dieses Buchs. Der wissenschaftliche Leiter der Bibliothek, Prof. Broszinski, öffnete anschließend die Buchdeckel und verzauberte die Zuhörer mit seinen Ausführungen zu Ovids ‚Metamorphosen’, zur vorliegenden Ausgabe und zur nie endenden Aktualität des Stoffs. Die 145 Kupferstiche des Bandes taten ein Übriges. Das Publikum war derart begeistert, daß der Wunsch geäußert wurde, weitere Bücher in dieser Art und Weise kennen zu lernen. Wie im 18. und 19. Jahrhundert die literarischen Salons sollen nun in Zukunft ‚literarische Abende’ ein breiteres Publikum in die Hofbibliothek locken.

Restaurierungsarbeiten
Wie immer standen auch im Jahr 2001 die Erhaltungsmaßnahmen im Mittelpunkt. Die Mittel reichen trotz großzügiger Spenden von der Landesbank Hessen-Thüringen freilich nur für das Nötigste. Noch müssen unzählige Zeitungen gebunden und Bucheinbände repariert werden. Das wird nur mit tatkräftiger Unterstützung vieler ‚Freunde’ und Spender möglich sein. Mit einem ebenso traurigen wie dringenden Fall mahnte Prof. Broszinski die Dringlichkeit der Vorhaben an. Eine in Cambridge 1701 gedruckte Homer-Ausgabe ist durch Schimmel, Schwamm und Feuchtigkeit zu einem unleserlichen Papierklumpen geworden. Zur Rettung dieses Buchs ist höchste Eile geboten. Der finanzielle Aufwand ist mit einigen tausend Euro aber beträchtlich. Eine Reihe ähnlich dringender Fälle lassen den ungeheuren Finanzbedarf erahnen, der für die Erhaltung dieser unschätzbaren Kulturgüter notwendig ist und für die Zukunft sein wird.

Der Lesesaal und die fehlenden Leser
Die Möglichkeit, die Kostbarkeiten der Hofbibliothek selbst lesend zu erkunden, wird leider bisher kaum genutzt. Jeweils Dienstags (10.00-14.00 Uhr) und Freitags (8.00-12.00 Uhr) besteht für alle Interessierten die Möglichkeit, unter der bewährten Anleitung von Frau Enß die über 35.000 Bände der Bibliothek in Bad Arolsen selbst einzusehen. Und jeder, der einmal in einem dieser Bände geblättert hat, weiß, welche Überraschungen, herrlichen Bilder und spannenden Texte auf die Leser warten. Wer sich über die Bibliothek und die Nutzungsmodalitäten informieren möchte, kann dies mittlerweile auch per E-Mail tun, und zwar entweder direkt an die Hofbibliothek in Arolsen (fwhb-arolsen@t-online.de) oder an die betreuende GhK-Bibliothek in Kassel (kowi@)bibliothek.uni-kassel.de).

Die Schätze der Hofbibliothek in der Öffentlichkeit
Um die Schätze der selbst alteingesessenen Arolsern weitgehend unbekannten Hofbibliothek dem Waldecker Lesepublikum näher zu bringen, werden in den kommenden Monaten verschiedene Aktionen durchgeführt. Für den Waldeckischen Geschichtsverein bietet Prof. Broszinski eine ‚Einführung vor Ort’ an. Über interessierte Lehrer will man auch den Lesenachwuchs für die Bibliothek begeistern. Auch im Internet wird die Hofbibliothek bald präsent sein.

Forschungsprojekte
Daß die Arolser Hofbibliothek auch für die Forschung zahlreiche ungehobene Schätze bereit hält, darauf macht Prof. Broszinski mit seinen viel beachteten Publikationen seit langem aufmerksam. Gemeinsam mit der Gesamthochschulbibliothek Kassel und der Universität Göttingen soll einer dieser Schätze demnächst gehoben werden. In zahlreichen Arolser Folianten verbergen sich nämlich über 3700 Kupferstiche berühmter, aber auch ganz einfacher Menschen aus den vergangenen Jahrhundert. Und gerade die sind ob ihrer Seltenheit in der Forschungswelt heiß begehrt. Mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft sollen die vielen weltweit einmaligen Unikate in den nächsten Jahren aufgearbeitet, digitalisiert und katalogisiert werden.

Die Hofbibliothek im Internet
Ein weiterer Schritt in das 21. Jahrhundert steht kurz bevor. Die Hofbibliothek geht ins Internet. Über eine Portalseite wird man demnächst virtuell nicht nur zu einigen digitalisierten Kostbarkeiten der Bibliothek gelangen, sondern vor allem auch ein breites Informationsangebot zur Geschichte, zu den Beständen, zu den Besitzern und den Sammlern abrufen können. Über E-Mail (fwhb-arolsen@t-online.de) besteht bereits heute die Möglichkeit, Fragen und Informationen gleichsam im elektronischen Dialog direkt zu klären. Über das Internetportal wird nach der Fertigstellung gesondert berichtet.


Jahresbericht 2003
(von PD Dr. Jürgen Wolf)

Sensationeller Bibelfund in einem Druck von 1548 - Die Hofbibliothek im Internet

Seit vielen Jahren kümmern sich die ‚Freunde der Hofbibliothek’ um die wertvollen Buchbestände der fürstlichen Hofbibliothek, einer weit über die Grenzen Waldecks bekannten Schatzkammer der Buchkunst und Literatur. Ziel der ‚Freunde’ ist es, die unersetzbaren Kulturgüter einerseits vor dem Verfall zu bewahren und sie andererseits einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Eine neu eingerichtete Internetseite mit vielfältigen Informationen und Materialien wird in Zukunft den sowieso schon internationalen Kreis der Benutzer noch einmal deutlich erweitern. 

Seinen Rückblick auf das Jahr 2002 konnte Fürst Waldeck mit einer Fülle von Highlights garnieren. So berichtete er von den begeisternden Vorträgen Prof. Hartmut Broszinskis über den Arolser Ovid, den alle Kapazitätsgrenzen sprengenden Besuch des Geschichtsvereins in der Bibliothek und einem stetig wachsenden Nutzerkreis. Der jeweils Dienstags (10.00-14.00 Uhr) und Freitags (8.00-12.00 Uhr) geöffnete Lesesaal wurde zwar weiterhin hauptsächlich von weitgereisten Besuchern genutzt. So durchstöberte der Onkel des Jordanischen Königs begeistert einige Kostbarkeiten der Bibliothek. Aber auch in Waldeck hat es sich mittlerweile herumgesprochen, welche interessanten Lesefrüchte auf ihre Entdeckung warten. Mit einer wissenschaftlichen Sensation wartete schließlich der wissenschaftliche Leiter der Bibliothek, Prof. Hartmut Broszinski, auf, als er zu seinem Vortrag den Buchdeckel eines eher unscheinbaren Bandes aus dem Jahr 1548 öffnete: Zur Verstärkung des Einbandes hatte der Buchbinder vor gut 450 Jahren die Reste einer volkssprachlichen Bibelübersetzung des 14. Jahrhunderts verwendet. 

Restaurierungsarbeiten

Wie immer standen auch im Jahr 2002 die Erhaltungsmaßnahmen im Mittelpunkt. Die Mittel reichten freilich nur für das Nötigste: So konnte ein Homer-Druck unter großem Aufwand vor dem Schimmel gerettet und damit vor dem Untergang bewahrt werden. Auch die Zeitschrift ‚daheim’ fand ihr rettendes Ufer in festen Einbänden. Doch noch müssen unzählige Zeitungen gebunden, Bucheinbände repariert und Schimmelpilze besiegt werden. Das wird nur mit tatkräftiger Unterstützung vieler ‚Freunde’ und Spender möglich sein.

Der Lesesaal und das Internet

Die Möglichkeit, die Kostbarkeiten der Hofbibliothek selbst lesend zu erkunden, wird zunehmend häufiger genutzt. Jeweils Dienstags (10.00-14.00 Uhr) und Freitags (8.00-12.00 Uhr) besteht für alle Interessierten die Möglichkeit, unter der bewährten Anleitung von Frau Enß die über 35.000 Bände der Bibliothek in Bad Arolsen selbst einzusehen. Wer sich über die Bibliothek und die Nutzungsmodalitäten informieren möchte, kann dies schon seit einigen Jahren per E-Mail tun, und zwar entweder direkt an die Hofbibliothek in Arolsen (fwhb-arolsen@t-online.de) oder an die betreuende GhK-Bibliothek in Kassel (kowi@)bibliothek.uni-kassel.de). Über den Katalog der Kasseler Bibliothek können die Arolser Bestände mittlerweile auch elektronisch nach Schlagwörtern durchsucht werden. Brandneu ist ein umfassendes Internetangebot zur Hofbibliothek. Unter der Adresse http://www.bbaw.de/forschung/dtm/Waldeck/startseite-hofbibliothek.htm

kann seit einigen Wochen weltweit in sekundenschnelle eine ganze Palette an detaillierten Informationen zu den Beständen, zur Geschichte der Bibliothek, zu kostbaren Einzelstücken, zu aktuellen Veranstaltungen und vielem mehr abgerufen werden. Digitalisierte Kupferstiche werden demnächst das noch im Aufbau befindliche Angebot beträchtlich erweitern. Dafür, daß die Homepage nicht so schnell an Kapazitätsgrenzen gelangen wird, sorgt als ‚virtueller Sponsor’ die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften mit beinahe unbegrenztem Serverplatz. 

Forschungsprojekte

Daß die Arolser Hofbibliothek auch für die Forschung zahlreiche ungehobene Schätze bereit hält, darauf machte Prof. Broszinski mit seinen viel beachteten Publikationen seit langem aufmerksam. Gemeinsam mit der Gesamthochschulbibliothek Kassel wird einer dieser Schätze zur Zeit gehoben: In zahlreichen Arolser Folianten verbergen sich mehrere Tausend Kupferstiche berühmter, aber auch ganz einfacher Menschen aus den vergangenen Jahrhundert. Und gerade die sind ob ihrer Seltenheit in der Forschungswelt heiß begehrt. Mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft sollen die vielen weltweit einmaligen Unikate in den nächsten Jahren aufgearbeitet, digitalisiert und katalogisiert werden. Die Anfänge sind bereits gemacht: Einige Hundert Stiche haben Rolf Siebeneicker und die Bibliothekarin Susann Enß bereits katalogisiert.

Die Sensation

Zum Abschluß der Sitzung holte Prof. Broszinski seine Schätze hervor. Das, was er im Einband des 1548 in Mainz gedruckten Reichstagsabschieds fand, verdient mit Recht die Umschreibung ‚Sensation’. Die unscheinbaren Pergamentfalze (Einbandverstärkung aus zerschnittenen alten Pergamentblättern) enthalten eine Mitte des 14. Jahrhunderts, nach dem Dialekt vielleicht sogar im Waldecker Raum angefertigte Bibelübersetzung. Deutsche Bibelübersetzungen sind im Mittelalter - lange vor Luther - freilich nicht selten, aber fast immer handelt es sich um Teilübersetzungen. Doch unsere Waldecker Bibel scheint vor mehr als einem halben Jahrtausend komplett gewesen zu sein, denn Prof. Broszinski konnte in anderen Waldecker Akten und Büchern noch weitere Pergamentreste der selben Handschrift ausfindig machen, die sowohl aus dem alten als auch aus dem neuen Testament stammen.

Welche Bedeutung dieser Fund für ein noch zu schreibendes ‚Waldecker Kapitel’ der Literaturgeschichte haben könnte, unterstrich Dr. Jürgen Wolf im zweiten Teil des Vortrags. Der Bibelfund fügt sich in eine ganze Reihe vergleichbarer Makulaturfunde (wiederverwendete Pergamentreste aus alten Handschriften): Bisher zu Tage gekommen sind so berühmte Werke wie Wolframs von Eschenbach ‚Parzival’ und ‚Willehalm’, ein Lanzelot, ein Alexander, das Passional, verschiedene Heldenepen und eben jene Bibelübersetzung. Zeichnet sich hier etwa das Bild eines dem Thüringer Landgrafenhof vergleichbaren literarischen Zentrums ab? Eine solche Vorstellung wurde von den Waldecker Zuhörern zwar sofort mit Begeisterung aufgenommen, doch bisher haben wir nicht mehr als eine Handvoll unscheinbarer Pergamentfetzen. 


 Jahresbericht 2005
(von Dr. Jürgen Wolf)

Alchemie, Goldmacherei und Ewige Jugend


Seit vielen Jahren kümmern sich die ‚Freunde der Hofbibliothek’ um die wertvollen Buchbestände der fürstlichen Hofbibliothek, einer weit über die Grenzen Waldecks bekannten Schatzkammer der Buchkunst und Literatur. Ziel der ‚Freunde’ ist es, die unersetzbaren Kulturgüter einerseits vor dem Verfall zu bewahren und sie andererseits einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ein entscheidender Schritt über die Grenzen Waldecks und Hessens hinaus, steht unmittelbar bevor: In den kommenden Jahren soll der vielleicht spannendste Schatz der Hofbibliothek, mehrere Tausend Bände Reiseliteratur aus der Zeit von 1486 bis 1820 digitalisiert und wissenschaftlich ausgearbeitet werden. Ein solches wissenschaftliches Großprojekt übersteigt allerdings die heimischen Ressourcen bei weitem.

 

Die Hofbibliothek in Funk, Fernsehen und Forschung

Fürst Waldeck konnte seinen Rückblick auf das Jahr 2004 mit einer Fülle von Highlights garnieren. So berichtete er von den zahlreichen Führungen Prof. Hartmut Broszinskis und Dr. Jürgen Wolfs, die wieder alle Kapazitätsgrenzen der Räumlichkeiten zu sprengen drohten. Daneben rückten Aktionen von Funk und Fernsehen die Hofbibliothek mehrfach in den Blickpunkt einer breiteren Öffentlichkeit: Spiegel-TV fand auf den Spuren von ‚Schneewittchen und den sieben Zwergen’ wichtiges Quellenmaterial in Arolsen. Ob Schneewittchen aber wirklich mit der in Belgien vergifteten Waldeckischen Prinzessin Margarethe aus Bad Wildungen identifiziert werden kann, bleibt auch nach den aufwendigen Recherchen und Dreharbeiten Spekulation. Für eine Sendung über die Geschichte des Buchs entdeckte ‚Arte-Wissenschaft’ die Arolser Hofbibliothek als ein ideales Beispiel zum Bibliothekswesen des 18. Jahrhunderts. Die Sendung mit der Hofbibliothek als ‚Star’ wird in den nächsten Wochen ausgestrahlt. Auch der handfesten Wissenschaft hatte die Hofbibliothek wieder viel zu bieten. Musikgeschichte, Ahnenforschung, Georg Forster und der ‚Lügenbaron’ Münchhausen waren nur einige Forschungsbereiche, wo Bücher der Hofbibliothek im Zentrum der wissenschaftlichen Diskussionen standen. Zum Münchhausen-Projekt ist eine Publikation mit zahlreichen Beiträgen international renommierter Forscher im Erscheinen.

 

Forschung aktuell: Digitalisierungsprojekt ‚Reiseliteratur’

Den Sprung in die Spitze deutscher Forschungsprojekte hofft die Hofbibliothek mit einem zur Zeit in Vorbereitung befindlichen Digitalisierungsprojekt zu schaffen. Rund 25.000 Stiche aus der überaus reich vertretenen Reiseliteratur sollen digitalisiert, wissenschaftlich aufgearbeitet und im weltweit operierenden Bildindex ‚FotoMarburg’ online zugänglich gemacht werden. Fürst Waldeck und die beteiligten Wissenschaftler machten allerdings klar, dass ein solches Großprojekt von internationalem Rang nur mit Hilfe aller Kräfte gestemmt werden kann. Man hofft auf die wohlwollende Unterstützung der heimischen Stiftungen und der Deutsche Forschungsgemeinschaft, der größten Deutschen Einrichtung zur Forschungsförderung.

 

Der Lesesaal und das Internet

So groß das wissenschaftliche Interesse mittlerweile auch ist, die Möglichkeit, die Kostbarkeiten der Hofbibliothek selbst lesend zu erkunden, wird von den Waldeckern noch recht schwach genutzt. Nur bei Führungen platzt die Bibliothek regelmäßig aus allen Nähten. Um die Hürden auf dem Weg in die Hofbibliothek endgültig einzureißen, sind unter anderem gemeinsame Initiativen mit der Christian-Rauch-Schule geplant. Für alle Interessierten besteht jeweils Dienstags (10.00-14.00 Uhr) und Freitags (8.00-12.00 Uhr) die Möglichkeit, unter der bewährten Anleitung von Frau Enß die über 35.000 Bände der Bibliothek in Bad Arolsen selbst einzusehen. Wer sich über die Bibliothek und die Nutzungsmodalitäten informieren möchte, kann dies schon seit einigen Jahren per Internet unter der Adresse http://dtm.bbaw.de/Waldeck/startseite-hofbibliothek.htm tun. Eine ganze Palette an detaillierten Informationen zu den Beständen, zur Geschichte der Bibliothek, zu kostbaren Einzelstücken, zu aktuellen Veranstaltungen, Forschungsprojekten und vielem kann abgerufen werden. Mit rund 1.000-1.500 Zugriffen im Monat ist das Angebot stark frequentiert - nur die heimischen Nutzer zieren sich.


‚Alchemie, Goldmacherei und Ewige Jugend’


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Blick in ein mittelalterliches Laboratorium

Nachdem die Rechenschaftsberichte zur Arbeit im Jahr 2004 und die Zukunftsvisionen abgearbeitet waren, brachte Prof. Hartmut Broszinski goldenen Glanz in die Räume der Hofbibliothek. Sein Vortrag zu ‚Alchemie, Goldmacherei und Ewige Jugend’ fesselte nicht nur die Zuhörer, es keimten auch Hoffnungen auf, dass alle Arolser Geldprobleme bald der Zukunft angehören konnten, denn gleich mehrere der vorgestellten Bücher enthielten wissenschaftlich erprobte Rezepte zur Goldherstellung. Prof. Broszinski dämpfte zwar gleich zu Beginn die Erwartungen, als er auf Papst Johannes XXII. zu sprechen kam. Dieser Papst hatte im Jahr 1317 in Avignon heftig gegen die Alchemie und die Goldmacherei gewetterte. Aber nicht, weil er das Ganze für Lug und Trug hielt, sondern weil er - übrigens selbst ein begeisterter Alchemist - die Folgen fürchtete: Wenn Gold in unendlichen Mengen hergestellt würde, folgte eine extreme Geldentwertung. Die Armen, denen die Mittel zur Goldherstellung fehlten, würden weiter Verarmen und schließlich Hungers sterben. Selbstverständlich hatten die Mahnungen des Papstes keine Auswirkungen. Besonders beliebt war und blieb die Alchemisterei gerade in geistlichen Kreisen.
Stück für Stück zog nun Prof. Broszinski seine kostbaren Alchemistischen Traktate aus der Kasseler Murhard-Bibliothek und der Arolser Hofbibliothek aus der Schatzkiste hervor. Päpste, Fürsten, Geistliche, Ärzte, aber auch Betrüger und andere Verbrecher begeisterten die Zuhörer mit ihren wundersamen Rezepten zur Erstellung von Gold, Salben, Tinkturen und Heilmitteln aller Art. Die Ausführungen zur Goldherstellung muteten dabei überaus modern an.

Neue Materie entsteht durch die Rückführung der Materie auf den Urzustand. Alte Materie muß sterben, damit aus ihr neue Materie entstehen kann. Als Katalysator auf dem Weg der Auferstehung hin zum Gold spielt das Quecksilber eine entscheidende Rolle. Am Ende des alchemistischen Prozesses, der mit der Kreuzigung und Auferstehung Christi gleichgesetzt wurde, stand das heiß begehrte Gold - die edelste aller Materien. Etliche Belege über unglaublich reich gewordene Alchemisten überzeugten dann auch bald den letzten Zweifler - oder?

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Aus einem Arolser Alchemie-Handbuch mit Rezepten zur Goldherstellung
Hier: Kreuzigung, Kreuzabnahme und Auferstehung als Symbol für die Umwandlung der Materie
Letztes Bild: Die unedle Materie frisst die unedle Materie, damit aus dem Urzustand der Materie mit Hilfe des Quecksilbers das Gold (= die Sonne) entstehen kann
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Für Erheiterung sorgte ein Branntweinrezept eines Pfarrers, dass nicht nur die Herstellung eines leckeren Punschs enthielt, sondern auch das Gegenmittel bei zu exzessivem Genuß eben dieses köstlichen Getränks. Das aus dem Sud eines frisch gekochten Kappes (Kohls) und gekochter Milch gebraute Kater-Gegenmittel wollte aber dann doch nicht so recht überzeugen. Bei einer anderen Zauberformel wurde Fürst Waldeck ganz bleich. Ein Pfarrer hatte eine besonderen Landbesitz-Zauber aufgezeichnet:
Item wiltu Deinem Herren Grund oder Scholle gewinnen, so schrib an eynem fritage zu prime uff ein Junffernperment (Pergament aus der Haut ungeborener Lämmer) mit Blut von einer wissen tuben (Taube) - xxZauberforme ausgestrichenlxx - 20 tage und tue es dar nach in Wich wasser (Weihwasser) und dann 10 Tage uff den Altar 20 tage. Alchemiebuch6.JPG
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Lanbesitzzauber: Zauberformel zur Grundbesitz-Weghexung

Jetzt wären Grund und Boden weggehext - aber unser Schreiber hatte die entscheidende Zauberformel leider feinsäuberlich durchgestrichen.

 

Nach so viel Gold, Branntwein, Giften und Gegengiften wurden zum Schluß des Vortrags vor allem die älteren Zuhörer noch einmal richtig hellhörig: Ein Rezept für die ewige Jugend stand auf der Agenda:

Diese artzeny hat ein Dechant in Munster in Schweiz gebrauet. Ist alt worden 186 jar!“
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Prof. Broszinski studiert eifrig das Rezept zur Unsterblichkeit


Da die entsprechenden Beweise und Zeugenaussagen im Buch vorlagen, sollte man am Erfolg der Medizin nicht zweifeln. Ein anwesender Medizinhistoriker gab aber zu bedenken, dass der als Arzneigrundstoff verwendete Helleborus nigra (schwarze Nieswurz, Christrose) höchst giftig sei. Also wer diese Medizin überlebte, hatte wohl tatsächlich die Chance, 186 Jahre alt zu werden. Oder sollte man doch den mahnenden Worten Sebastian Brants im ‚Narrenschiff’ (die lat. Ausgabe in der Hofbibliothek stammt aus dem Jahr 1498) Glauben schenken:

Man spüret wol in der alchemy
Vnd inn des wynes artzeny
Was falsch vnd beschiss vff erden sy
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Narrenschiff - Dt. Ausgabe



 

Öffnungszeiten des Lesesaals im Arolser Schloß (Hofbibliothek linker Flügel)

   
Dienstag
10.00 – 14.00 Uhr
Freitag
8.00 – 12.00 Uhr
Info (Frau Enß):

 

Tel. 05691-895530
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