Diskussions-Text:

Anmerkungen zur Vergangenheitsbewältigung, zum Antisemitismus, zum Krieg und zur Gegenwart
Wolfgang Näser (Marburg)

Folgende - teils bewußt provokante - Ausführungen und Thesen entstehen als Versuch einer Antwort auf bisher ungelöste Fragen, die uns nie wieder loslassen, wenn wir uns erst einmal der furchtbaren Tatsachen und Folgen von Antisemitismus, Gewalt und Krieg bewußt geworden sind. Diese Last der Vergangenheit kann tiefste Depression und Trauer hervorrufen, verlangt aber auch nach Konsequenzen, die eine Wiederholung des furchtbaren Geschehens für alle Zeiten unmöglich machen. Politisch opportune Lippenbekenntnisse sind unangebracht, Handeln tut not: ein Handeln der Mitmenschlichkeit, der Solidarität, der Toleranz. Zugleich müssen wir uns klar werden über Probleme der Gegenwart, die - wie die Vergangenheitsbewältigung - nur von wachen, aufgeklärten, mündigen Bürgern zu lösen sind.

  1. Vergangenheitsbewältigung: Bewältigen bedeutet verarbeiten, das Geschehene analysieren, sich aller Aspekte bewußt werden und aus der Vergangenheit lernen. Das, was geschehen ist, darf sich nicht wiederholen, unter keinen Umständen. Das ist nicht mehr und nicht weniger als das, was wir tun können, denn das, was geschehen ist, können wir nicht ungeschehen machen, wir können die unschuldig zu Tode Gekommenen nicht aufwecken, Zerstörtes nicht zu neuem Glanz wiedererstehen lassen. Vergangenheitsbewältigung: das bedeutet auch nie wieder Krieg.
    Vergangenheitsbewältigung kann und darf nicht bedeuten,
    a) mit immer neuen Kriegs- und Gewaltfilmen, die "Kasse machen", alte Wunden neu aufzurühren, ständig einseitig alte Stereotypen (Deutsche = "Hunnen"; alle Deutschen = Nazis) wiederaufleben zu lassen und so die Basis für neue Ressentiments und Feindbilder zu schaffen. "Die Sieger müssen sich von vornherein darüber klar werden, daß die Wiederholung des Kardinalfehlers von 1918, nämlich die Behandlung der neuen Männer und Kräfte als schuldige Feinde, nach 1945 nie wieder gutzumachen wäre", schrieb der prominente Sozialdemokrat Kurt Schumacher in seinen "Richtlinien für die Arbeit in der SPD". Dieses Zitat birgt auch eine allgemein-menschlich gern übersehene Erkenntnis. Erfahrene Pädagogen wissen, daß ein durchaus besserungswilliges und lernbegieriges Kind dann "ausrastet", wenn ihm seine Fehler immer und immer wieder von neuem vorgehalten werden.
    b) bei jedem Jahresgedenken fein dosiert neue, bisher unbekannte Grausamkeiten und Abscheulichkeiten aufzutischen und die schon über Gebühr schockierten Menschen in eine Depression zu stürzen, aus der heraus sie unfähig werden, mit all dem fertig zu werden und gemeinsam in eine bessere Zukunft zu gehen.
    c) mittels einer primitiven Holzhammer-Demagogie alles über einen Kamm zu scheren und im Sinne Daniel J. Goldhagens so gut wie alle in den 30er Jahren lebenden Deutschen als "willige Helfer" des Despoten Hitler abzuurteilen. Was die Wirkung einer politischen Lenkung und eines übertriebenen, durchaus kriegswilligen "Patriotismus" angeht, so hat Goldhagen in seinem eigenen Land allerbesten Anschauungsunterricht.
  2. Wiedergutmachung ist ein sehr unscharfer Begriff. Was sollen wir "wieder gut machen"? Etwa geschehene Grausamkeiten? Die bleiben verbrecherisch und scheußlich, lassen sich nicht beschönigen. Kompensation oder Entschädigung sind bessere Begriffe, obwohl auch sie nur einen Teil des Nötigen und Möglichen bezeichnen. Den aufgrund ideologischer Irrwege verursachten gewaltsamen Tod eines geliebten Menschen kann niemand "wieder gutmachen" oder dafür Kompensation leisten. Womit auch? Kein Zauberer dieser Welt kann diesen Menschen zu neuem Leben erwecken. Insofern muß in der Justiz eines jeden Landes das Menschenleben höchstes Gut sein und bleiben. Es kann nicht sein, daß man unbedarfte Jugendliche für mehrere Jahre in ein Gefängnis steckt, weil sie irgendwelche Symbole an eine Wand gekritzelt haben, andererseits eine Frau mit ein paar Jahren davon kommen läßt, weil sie ihren Mann im Affekt umgebracht oder ihr neugeborenes Kind in einer Mülltonne "entsorgt" hat. Es kann nicht angehen, daß ein Domkantor für sieben Jahre in das Gefängnis wandert, weil er angeblich seine Singknaben belästigt hat, und andererseits mit Hilfe "wissenschaftlicher" Gutachten ein Sexual-Mörder nach wenigen Jahren frei kommt und dann weitere Morde begehen kann.
  3. "Sei unerschrocken, es gilt die Wahrheit!" (Bertolt Brecht, 1940)
    Objektivität
    ist das Hauptgebot jeder Art von Vergangenheitsbewältigung. Wer mit der Vergangenheit umgeht, diese analysiert und zum Gegenstand von Forschung und Lehre macht, muß alle Fakten schonungslos auf den Tisch legen, das heißt alles, was von "Freund" und "Feind" getan wurde. Aus wie auch immer gearteten Gründen einer "politischen Korrektheit" oder Opportunität dürfen keine Tatsachen unterdrückt oder verfälscht werden. Eine objektive und daher ehrliche Geschichtsschreibung verlangt nicht nach periodischer Umschreibung von Geschichtsbüchern, denn was wahr ist, muß wahr bleiben.
  4. Antisemitismus: ein seit dem Mittelalter zu beobachtendes Phänomen, teils religiös motiviert (Kreuzigung Jesu; bestimmte Riten wie das Schächten usw.), teils aus Neid: das "auserwählte Volk" hat in der gesamten Zivilisationsgeschichte ungewöhnlich kluge, intelligente, künstlerisch begabte Menschen hervorgebracht: Maler, Architekten, Literaten, Komponisten, ausübende Künstler, Finanzgenies usw. Noch im Ersten Weltkrieg standen Juden in hohem Ansehen, die als Offiziere im kaiserlichen Heer dienten und hohe Auszeichnungen errangen. Komponisten wie Felix-Mendelssohn-Bartholdy erlangten Weltruhm, desgleichen Physiker wie Albert Einstein. Als im Deutschland der Zwanziger Jahre die Not einkehrte, als über 6 Millionen arbeitslos wurden und viele Menschen keinen Ausweg sahen, suchte man, wie immer in solchen politischen Lagen, nach einem Sündenbock: die Politiker fokussierten sich auf die Juden, die angebliche Wurzel allen Übels. Und so kam es schließlich in den europaweit antisemitischen 30er Jahren zur sogenannten Reichskristallnacht und zur Anfang 1942 beschlossenen Massenvernichtung der Juden, Ende der siebziger Jahre als Holocaust bezeichnet.
  5. Mitschuld und Mitverantwortung: die furchtbare "fabrikmäßige" Massenvernichtung der Juden und anderer Menschengruppen (Zigeuner, Homosexuelle) in den Konzentrationslagern wurde zur größten historischen Schuld Deutschlands, hätte jedoch wenigstens teilweise verhindert werden können. Zwar gab es ab 1935 die sog. Nürnberger Rassengesetze, 1938 die Reichs-Pogromnacht und von da an vermehrte Verfolgung von Juden, doch setzten die Massenvernichtung in den auf polnischem Gebiet liegenden Lagern wie Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Sobibor, Belzec, Majdanek und die "Vernichtung durch Arbeit" in Lagern wie Plaszow usw. erst nach der im Januar 1942 durchgeführten Wannsee-Konferenz ein. Damals verfügten die alliierten Mächte Großbritannien und USA schon über (in gewaltigen Stückzahlen produzierte) 4-motorige Fernbomber wie die B-24, die B-17, die Avro Lancaster usw. mit Reichweiten von bis zu 4.000 Kilometern; mittlere Bomber wie der B-25 Mitchell konnten von Land oder gar von Flugzeugträgern aus operieren (Jagd- und Zerstörerschutz waren kein Problem). 1943, als manche Lager erst den Betrieb aufnahmen, waren die Maschinen schon mit Rundsicht-Radar ausgerüstet, konnten von England bis Berlin durchfliegen und die Reichshauptstadt gezielt bombardieren; die Superfortress Boeing B-29 hätte mit ihrer Reichweite von rund 5.300 km ab 1944 den Aktionsradius beträchtlich erweitert. US-Bomber zerstörten die schlesischen Hydrierwerke, ließen jedoch die zu den Todes- und Arbeitslagern führenden Bahnschienen intakt; ebensowenig bombardierten sie die im Bau befindlichen oder gerade fertigen Lager. Sicher hätten solche Einsätze viele Menschenleben gefordert, doch Hunderttausende, vielleicht sogar Millionen potentieller KZ-Insassen wären vor dem Tode bewahrt worden. So unterließen es die Alliierten bewußt, die Infrastruktur des Holocausts zu zerstören *) und so dem Grauen zumindest partiell ein Ende zu setzen. Es erschien ihnen wohl unwichtig, ihre gewaltige, hochtechnisierte, geradezu redundant verfügbare Kriegsmacht zur Rettung der europäischen Juden einzusetzen (zum US-amerikanischen Antisemitismus in der Roosevelt-Aera siehe hier).
    "Die Juden waren zweitrangig", sagt der französische Historiker David Douvette in der taz vom 9.2.05. " Die Alliierten haben zu wenig gegen den Völkermord der Nazis getan. Heute verweigert sich Europa dieser Geschichte." [...] Die ganze Geschichte des Horrors ist längst noch nicht geschrieben. [...] Im Dezember 1941 hat die polnische Exilregierung in London einen Plan über Massaker an Zivilbevölkerungen vorgelegt. Mit Detailzeichnungen, Plänen, Fotos, Zeugenaussagen. Darüber hinaus gab es andere Berichte. Alle wussten es. - Warum wurden die KZ nicht bombardiert? - Offiziell, um keine Leute umzubringen. Aber Dresden und Hiroshima wurden auch bombardiert, obwohl dabei hunderttausende getötet wurden. [...] Hinzu kommt der jahrhundertealte christliche Antisemitismus. Juden waren nicht wichtig. [...] Keine Armee hat ein Konzentrationslager befreit. In Auschwitz hat die SS am 17. Januar 1945 alle, die noch gehen konnten, auf die Todesmärsche getrieben. Sieben- bis achttausend Frauen, Kinder, Kranke und Alte ließ sie zurück, weil die Zeit fehlte, sie umzubringen. Die Sowjets, die nicht einmal einen Kilometer vom KZ entfernt waren, sind erst am 27. Januar in das Lager gegangen. Zehn Tage später - inzwischen waren viele gestorben." Moshe Katzav, Präsident Israels, wird folgendermaßen zitiert: : "Der Holocaust ist nicht bloß eine Tragödie für das jüdische Volk, er ist das Versagen der Menschheit insgesamt. Die Alliierten haben [...] nicht genug getan, um den Holocaust, die Vernichtung des jüdischen Volkes, zu stoppen. Die Alliierten wussten von der Vernichtung der Juden Europas, aber die Alliierten haben keine Initiative ergriffen, um die Vernichtung des europäischen Judentums zu verhindern." (http://www.diepresse.com/textversion_article.aspx?id=462642)
    Anm.: Inzwischen wurden beide Links (Katzav / diepresse.com) getilgt und deren Inhalte damit unzugänglich. Ich versichere jedoch, daß sie beim Entstehen meiner Ausführungen existierten und voll funktionsfähig waren.
    Eine zweite Mitschuld tragen die Alliierten im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944. Wie bekannt (aber neuerdings totgeschwiegen), fanden schon 1942 und später Geheimverhandlungen mit Vertretern der Alliierten statt; die Repräsentanten des deutschen Widerstandes (Militärs und Zivilisten) baten um eine ehrenvolle Kapitulation, um nach der angestrebten Beseitigung Hitlers ein neues, demokratisches Deutschland (keine Militärdiktatur, wie neuerdings behauptet!) aufbauen zu können. Im Rahmen eines solchen Vorganges wären - unter Kontrolle der Siegermächte - natürlich alle mit KZs und Judenvernichtung zusammenhängenden Aktionen zum Erliegen gekommen. Doch die Alliierten zeigten sich uninteressiert, bezeichneten (wie Marion Gräfin Dönhoff belegen konnte) die Widerständler sogar als Verräter. Das von Stauffenberg verübte Attentat scheiterte und es kamen im letzten Dreivierteljahr des Zweiten Weltkrieges mehr Menschen um als in den vier Jahren zuvor. Und so kam es auch zu den verzweifelten Taten am Kriegsende, als ganz Deutschland ein in der Geschichte beispielloses Inferno an Verzweiflung, Haß und Gewalt erlebte, wo sich die Menschen ihrer Humanität entäußerten und viele Juden und andere Verfolgte in Evakuierungsmärschen und anderswo zu Tode kamen. Der "versehentliche" Angriff auf die "Cap Arcona" mit 7.000 KZ-Häftlingen an Bord am 3.5.1945, nach der Ablehnung der am nächsten Tage (!) von Montgomery gefeierten Kapitulation, und das Schießen auf im Wasser treibende Schiffbrüchige sind nur ein Beispiel dessen, was hätte verhindert werden können.
    Es ist schwer, eine solche Mitverantwortung zu behandeln und zu "bewältigen", aber auch das tut not, wenn wir unter all diese Grausamkeiten und unmenschlichen Verirrungen keinen Schlußstrich ziehen und das Vergangene für immer unvergessen lassen wollen.
  6. Sensibilisierung ist eigentlich die wichtigste "Frucht" des Gedenkens (und damit Nachdenkens). Wer einmal das furchtbare Grauen der Ghettos von Warschau oder Theresienstadt gesehen hat, die Leichenberge in Auschwitz oder Bergen-Belsen, die bis aufs Skelett abgemagerten, aber noch lebenden Insassen, der muß, wenn noch zu menschlichen Regungen fähig, zwangsläufig ein besonderes Sensorium entwickeln für Grausamkeiten solcher und anderer Art. Das "Nie wieder" im Foyer des Internationalen Suchdienstes in Bad Arolsen gilt für alle Zeiten. Das Verbrechen der Vergangenheit ist geschehen, eine Wiederkehr darf es nicht geben, an keinem Ort der Welt. Und deshalb darf es uns, gleich woher wir kommen, nicht egal sein, wenn, auch im Namen der Demokratie, es neue Folter, gibt, wenn unschuldige Menschen gequält werden wie in Abu Ghraib, Guantánamo Bay und anderswo, wenn im Zuge des rendition program ("outsourcing torture") von der CIA mit kleinen Jets Menschen entführt werden, um von ihnen an geheimer, unerreichbarer Stelle mittels Folter Aussagen zu erzwingen. Ebensowenig darf uns gleichgültig sein, wenn im eigenen Lande das Unrechtsbewußtsein schwindet und die Hemmschwelle zur Gewalt sinkt, wenn von haltlosen Jugendlichen Ausländer und Obdachlose "just for fun" angegriffen, gequält und getötet werden.
  7. Relativieren: der Holocaust, heißt es, sei einmalig. Und daher sei es nicht gestattet, Verbrechen gegen die Menschlichkeit miteinander zu vergleichen, weltweite Unmenschlichkeit in einen Bezug zu setzen. Da bin ich ganz anderer Meinung. Es gibt keine Menschen erster und zweiter Klasse. Wenn in Kambodscha (dem damaligen Kampuchea) Millionen von Menschen unter Pol Pot hingeschlachtet wurden, wenn unter dem "Väterchen" Josef Stalin rund 20 Millionen Menschen schon vor Beginn des 2. Weltkrieges umkamen, wenn in Lateinamerika planvoll indianische Ureinwohner ausgerottet wurden, wenn in Víetnam durch (das jüngst in Falludscha wieder eingesetzte) Napalm und Agent Orange nicht nur Menschen, sondern auch riesige Landschaften vernichtet wurden, wenn im Kosovo und zwei Irak-Kriegen durch abgereicherte Uran-Munition und Splitterbomben hunderttausende von Menschen geschädigt wurden oder umkamen, wenn im armen Tschetschenien nicht nur die Hauptstadt Grosny, sondern auch viele andere Orte verwüstet und -zigtausende Menschen in einem vermeintlichen Anti-Terror-Krieg getötet oder verletzt wurden, dann darf auch das uns nicht gleichgültig werden lassen, weil es eben gegen dieses "Nie wieder" in eklatantester Weise verstößt. Auch wenn man das uns nachgeborenen Deutschen per Dogma absprechen und verbieten will, sind wir, die wir uns fast zwei Generationen lang mit unserer Schuld auseinandergesetzt haben und teilweise fast daran zerbrochen sind, sehr wohl in der Lage, aus einem für alle Normen und Grenzen der Menschlichkeit geschärften Bewußtsein heraus sensitiv-vergleichend alles Unmenschliche zu erkennen, gleich wo es wieder geschieht, und die Humanität anzumahnen. Und deshalb dürfen, ja müssen wir relativieren. Sehen wir also nicht weg (auch wenn das unbequem ist), erkennen und handeln wir.
  8. Rechtzeitiges Erkennen und Handeln gilt auch den Neonazis, deren Zahl aufgrund der sich in Deutschland verschlechternden Lebensbedingungen (siehe unten) bedrohlich zunimmt. Es handelt sich hier um relativ wenige Ältere, die als "ewig Gestrige" die Irrtümer Hitlers und seiner Schreckensherrschaft nicht begriffen haben oder wider besseres Wissen ableugnen, zum anderen um junge Menschen, die sich bei totaler Unwissenheit oder Halbbildung als Glatzköpfe in symbolgespickte Klamotten stopfen, um Randale zu machen, oder um solche, die die nationalsozialistischen Schriften tatsächlich gelesen haben und glauben, daß nur "an diesem Geiste die Welt genesen" könne. Noch schlimmer, wenn solche Wirrköpfe Landtagsmandate erringen und mit allen Privilegien von Parlamentariern die Demokratie und ihr Land in Mißkredit bringen.
    Nun gibt es zwei Möglichkeiten:
    1. alle als rechtsradikal einstufbaren Tätigkeiten und Ereignisse verbieten. Das ist auf den ersten Blick hin ebenso einfach wie wirkungsvoll. Doch verlagert man dadurch alle entsprechenden Aktivitäten in den Untergrund, was die Beobachtbarkeit empfindlich einschränkt und der Sache eine "abenteuerliche" Qualität verleiht (viele wollen ja gerade den "Kick"). Außerdem entspricht eine solche Verbotspraxis genau dem, was man eigentlich nicht wiederholen bzw. kopieren will: einer Diktatur, wo ja auch alles Mißliebige gnadenlos verboten wurde.
    2. unter der Prämisse, daß nicht alle Fehlgeleiteten automatisch auch Verbrecher sind, sich mit den betreffenden Personen sachlich, d.h. im Gespräch, auseinandersetzen. Das ist schwierig, das ist auch unangenehm und das kostet viel Kraft. Eine solche Auseinandersetzung muß objektiv und vorurteilsfrei an alle Argumente herangehen, diese analysieren und gerecht bewerten. In nicht wenigen Fällen wird es gelingen, durch besonnenes und verständnisvolles Vorgehen viele allzuschnell als "unbelehrbar" eingestufte Menschen in ihrem eigenen Interesse auf einen der Allgemeinheit dienenden, guten Weg zu bringen. Demokratie und Freiheit können immer nur dann siegen, wenn sie ihren ureigenen Prinzipien folgen, aber niemals durch Verbote und Gewalt.
  9. Nach vorn blicken, sich die Hand reichen und es besser machen. Ständiges Gejammer und Herumrühren in längst verheilten Wunden helfen wenig, weil, wie schon angedeutet, alte Ressentiments dadurch wiederauferstehen und neue entstehen können. Wie die Niederländer sagen: Gedaan is gedaan. Gottseidank gibt es heute Aktionen, versöhnende Gesten und Vorbilder, die leider zu wenig bekannt sind: wie z.B. die sowohl aus Israelis wie Palästinensern bestehende Fußball-Jugendmannschaft oder die leidgeprüfte Stadt Coventry, die mit einer großherzigen Spende zum Wiederaufbau der Dresdener Frauenkirche beitrug. Positive Vergangenheitsbewältigung ist Arbeit für den Frieden.
  10. Nur mündige Bürger können Demokratie und Freiheit verwirklichen und schützen. Mündig ist der, der von den Dingen weiß und den nötigen Horizont und "Durchblick" besitzt, um vergleichen und handelnd aus dem Vergleich schlußfolgern zu können. Politisch mündige Bürger sind jedoch unbequem: sie könnten Fakten und Trends entdecken, Entwicklungen auf die Spur kommen, denen eine Existenz als "Hintergrundprogramme" zugedacht war. Wer die nötigen historisch-politischen Kenntnisse besitzt und damit die Basis für ein unvoreingenommenes kritisches Bewußtsein, wird schnell erkennen, daß es gerade jetzt dringend Not tut, auch die nicht minder problematische Gegenwart zu "bewältigen": ein Heer von Arbeitslosen, unterdurchschnittliche Schulbildung, Egoismus, Gedankenlosigkeit und Kinderfeindlichkeit, massenhafte Überschuldung staatlicher und privater Haushalte, Ausbeutung, Sozialabbau und Altersdiskriminierung, allgemeiner Werteverlust (außer an der Börse), bedrohlich wachsende Verrohung und Gewaltkriminalität, jede dritte Ehe geschieden, wachsende Orientierungs- und Perspektivlosigkeit und daraus resultierend stark zunehmender Radikalismus. Diese Tendenzen erinnern mindestens teilweise an die Zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts und wohin damals der politische Steuerkurs führte. Es müßten alle verfügbaren Warnlampen aufleuchten. Statt dessen wird die Masse mit medialem Entertainment, Trends und Fun narkotisiert und im Rahmen von Gewissensberuhigungsaktionen mit einer Vergangenheitsbewältigung befaßt, die einen Bezug zur aktuellen Realität ausschließt. Zu einer derart entmündigten Gesellschaft paßt denn auch, daß, ohne das Volk rechtzeitig genug inhaltlich zu informieren und eine nationenweite Diskussion zu ermöglichen, die Europa-Verfassung befürwortet wird von zwar hochbezahlten, doch in dieser Materie weitgehend inkompetenten Parlamentariern, während zum Beispiel in Frankreich jede/r Stimmberechtigte den Verfassungstext zugeschickt erhält und sich noch rechtzeitig vor dem Referendum Ende Mai (2005) ein Bild von der Sache machen kann. Wenn ein Staatswesen in wichtigen Angelegenheiten wie der Rechtschreib-Reform, der Teilnahme an Kriegen und anderen kostspieligen Militäreinsätzen und einer in die nationalen Belange eingreifenden Verfassung Volksabstimmungen verhindert, so könnte die Frage entstehen, ob hier eine Angst vor dem eigenen Volk vorliegt und damit eine Unfähigkeit zur Verwirklichung echter Demokratie.
    "Mehr Demokratie wagen" war die Losung des ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlers Willy Brandt. Demokratie ist ein Wagnis; kein Wagnis ist ohne Risiko. Doch dieses Wagnis lohnt sich. Denn ein entmündigtes Volk ist weder fähig, die Vergangenheit und die Gegenwart zu bewältigen noch konstruktiv zu einer tragfähigen, sicheren Zukunft beizutragen.
  11. Zum Schluß: Wer es wagt, zumindest einige kritische Worte zu einem heiklen Thema zu schreiben, läuft - wie sollte es anders sein - Gefahr, mißverstanden und in eine "Schublade" gesteckt zu werden. Um es zu verdeutlichen: ich möchte aufgrund obiger Aussagen und Argumente nicht mit revisionistischen Broschüren bedacht werden. Mich interessiert nicht, was Herr Putin zu amerikanischen Machtansprüchen sagt, wie ein gewisser Dr. Achmadinedschad zum Holocaust steht und welche pseudowissenschaftlich verharmlosenden Berechnungen zu den in ihrer Scheußlichkeit einmaligen KZ-Morden angestellt wurden. Was in der Vergangenheit geschah, sollte nie vergessen werden. Aber es sollte auch nicht zu fadenscheinigen Zwecken instrumentalisiert werden. Aus dem Vergangenen müssen wir derart lernen, daß es nie wieder geschieht, in welcher Gestalt, zu welchem Zweck und aus welchem Grunde auch immer.
    W. Näser, 5. Juli 2007

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*) In "Morgenthau-Legende - zur Geschichte eines umstrittenen Plans", Hamburg 1995, beschreibt Prof. Bernd Greiner, Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die Versuche US-amerikanischer Organisationen, in den Jahren 1942 bis 1945 die Regierung der USA dazu zu bewegen, das massenhafte Morden an den europäischen Juden durch diplomatische, finanzielle und militärische Mittel aufzuhalten oder zu begrenzen. Die akute Gefährdung ungarischer Juden habe engagierte Bürger veranlaßt, sich mit konkreten Vorschlägen an des US-Kriegsministerium zu wenden:

[S.143] "sie [...] schlugen Luftangriffe auf die Eisenbahnlinien von Budapest nach Polen vor. Auch müßte es möglich sein, die Gaskammern und Krematorien gezielt anzugreifen - den Angaben von Vrba und Wetzler [zwei aus Auschwitz entkommene Ex-Häftlinge, H.P.] zufolge lagen sie hinreichend weit von den Häftlingsbaracken entfernt. John Pehle (Leiter des War Refugee Board, H.P.] zweifelte zwar an der technischen Durchführbarkeit, reichte aber am 21. Juni 1944 den Vorschlag mit der Bitte um Prüfung an John McCloy weiter."

Das War Department habe Ende Juni abgelehnt: die Flugzeuge würden für kriegsentscheidende Einsätze andernorts gebraucht; man dürfe nicht zur falschen Zeit und am falschen Ort das Leben amerikanischer Soldaten aufs Spiel setzen; die vorgeschlagenen Angriffe hätten kaum Aussicht auf Erfolg und die Deutschen könnten möglicherweise eine noch blutigere Rache üben. Am 24. März 1945 habe Kriegsminister Henry Stimson schließlich auf das nahe Kriegsende vertröstet; Stellvertreter John McCloy habe mit den Worten "Kill it!" seinen persönlichen Sekretär angewiesen, ihn mit derartigen Anfragen nicht weiter zu belästigen.
Bomber des 8. und 15. US-Luftwaffengeschwaders, so Greiner,

"flogen von Süditalien und England aus regelmäßig Einsätze gegen Ölraffinierien in Oberschlesien. Allein am 7. Juli 1944 überquerten 452 Bomber zwei von fünf Eisenbahnlinien, auf denen die Deportationszüge rollten. Bis zum 20. November wurden weitere Großangriffe mit Verbänden zwischen 102 und 357 Maschinen geflogen. Die Ziele: acht große Anlagen zur Herstellung von synthetischem Benzin, darunter Blechhammer, 80 Kilometer westlich von Auschwitz - zehnmal bombardiert; Oderberg, 75 Kilometer von Auschwitz - im August mehrmals bombardiert; Trzebinia, 22 Kilometer nordöstlich von Auschwitz; und schließlich die IG Auschwitz auf dem Gelände des Vernichtungslagers - angegriffen von 127 Flying Fortresses am 20. August, die ihre Bomben sieben Kilometer östlich der Krematorien zielgenau ausklinkten <sic!>; von 96 Liberators am 13. September sowie am 18. und 26. Dezember. Am 13. September wurden zwei Bomben zu früh abgeworfen, töteten einige Soldaten und Gefangene und beschädigten die Schienenstrecke zu den Gaskammern."

John Pehle habe im November 1944 letztmalig das War Department gebeten, die Vernichtungsanlagen in Auschwitz anzugreifen, doch wiederum vergeblich. McCloy habe nicht einmal den Rat der in Italien oder England stationierten Luftwaffenkommandeure eingeholt noch eine Expertise anfertigen lassen.
Die vorstehenden Angaben und Zitate (Hervorhebungen und Links von mir) verdanke ich Hermann Ploppa (abgekürzt H.P.) - auch den Hinweis darauf, daß John McCloy nicht nur ein Jahr in Italien als Wirtschaftsberater Mussolinis tätig war, sondern auch 1936 "das exklusive Vergnügen" hatte, "bei den Olympischen Spielen in Berlin auf der Ehrentribüne neben den Großen des Nazistaates Platz nehmen zu dürfen."

wird ergänzt. Seite begonnen am 11.5.2k5 * (c) Dr. W. Näser, Marburg * Stand: 6.9.2009
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