Flevo



Irgendwann kommt man als Liegeradler wohl an der "Legende" Flevo-Bike nicht vorbei.

In den 80er Jahren entstand diese "neue Art des Liegerades" aus einem Eigenbau-Projekt. Der Berufschullehrer Johan Vrielink aus Drohnten(NL) baute den Prototypen dieses Knicklenker-Rades.
Knicklenker heißt, dass es keinen "Lenker" im herkömlichen Sinne gibt, sondern das gesamte Vorderteil des Rades inklusive Antrieb schwingt bei der Lenkbewegung mit. Das Rad ist am Knickgelenk teilbar und besaß als erstes Liegerad überhaupt eine Federung vorne und hinten !!!

Eine erste kleine Serie dieser Räder wurde als ein "Schulprojekt" hergestellt, bevor die Fa. "Flevo-Bike" gegründet wurde, und in 1989 die Serienproduktion aufnahm.

Der Name "Flevo-Bike" kommt übrigens von der niederländischen Provinz Flevoland - die ersten dieser Räder waren in den Farben der Flagge von Flevoland gehalten.

(Alles Wissenswerte über das Flevo erfährt man auf den wirklich tollen und sehr informativen "Seiten des inoffiziellen Flevo-Fanclubs")

Für mich steht bei meinem Flevo-Projekt der Bau und das "Kultige" dieses Fahrzeuges im Vordergrund. Gefahren bin ich bisher noch nicht - herumeiern würde ich es eher nennen - und es ist die Herausforderung und der Spass, der mich dazu bewegt, ein solches Projekt anzugehen und das Fahren noch einmal neu zu erlernen.


Vorplanung


Das Problem beim Flevo-Selbst-Bau ist, dass es von der aktuellen Version zur Zeit keinen Bauplan gibt. Es existieren Pläne vom "Ur-Flevo" und von den ersten Serienrädern sind schon längst überholt. Die Veränderungen und Verbesserungen sind lediglich an Flevos "life" bzw. auf Abbildungen zu finden. Mit Hilfe einiger versierter "Flevomanics" ist es mir dann a ber doch gelungen, eine aktuelle Bemaßung und auch einige Bautipps zu erlangen. Besonders möchte ich an dieser Stelle deshalb auch der Olbersdorfer Flevo-Schmiede danken, namentlich Uwe Anderseck, der mit Rat und Tat und vielen Bildern hilfreich zur Stelle war.
Ferner danke ich den Mitgliedern der Liegerad-Mailingliste besonders Hanno Hirsch, Rainer H. Rauschenberg, Peter Schäfer, Karsten Stielow, Ulli Teige, sowie Urs Kellermann für Tipps und Ratschläge :-)



Größenanpassung


click to enlarge picture Zunächst einmal galt es also einen Bauplan zu erstellen, wobei als besonderes Problem meine Körpergröße zu beachten war (ich bin halt 1,94 m lang). Von anderen "langen" Flevofahrern hatte ich gehört, dass die "Standardgröße" dcoh etwas sei. Also stellte ich Überlegungen an, wie die Konstruktion auf mehr "Länge" angepasst werden könnte .Nachdem alle theoretischen und praktischen Überlegungen abegeschlossen waren, habe ich mich für die Variante # 1 entschieden. Also habe ich zunächst einmal eine 1:1 Zeichnung angefertigt und an die Wand gepint - das Ziel ständig vor Augen geführt :-)


Bau


... am Anfang war der Stahl - der sogenannte "Flevostahl" also Vierkantprofil 40 x 40 x 1,5 mm in Baustahlqualität (St 37) ist das Grundmaterial. Dieses musste man dann ...

... passend machen ... ... ausrichten ... ... zusammenbraten ...

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... uns schwuppdiwupp waren vorder- und Hinterteil des Hauptrahmens soweit, dass man schon erahnen konnte, was es mal geben soll. (Die Räder helfen schon ungemein, auch dem nicht-"Flevomanen" auf die Sprünge zu helfen, dass es sich zumindest um irgendein "Fahrrad" handelt :-)))






click to enlarge pictureAls nächstes kamen dann die Schwingenlager dran. Hierzu habe ich Rohr 18 x 2 mm benutzt. Bei meinen bisherigen Erfahrungen im "Metallbau" ist mir das "schöne" Löten jeweils leichter gefallen als das "schöne" Schweissen. Deshalb habe ich hier auch das meiste gelötet. Hier kann man sehr schön sehen, wie man mit Messinglot regelrechte Kehlnähte hinbekommt. Die später auftretenden Kräfte werden also auf eine größere Fläche verteilt. Außerdem ist das Löten insgesamt materialschonender.



click to enlarge pictureWenn man ein Flevo Bike oder Trike bauen möchte, bietet der Ligfietshop Tempelmann alles, was das Denglerherz höher schlagen lässt. Hier sind Stahl- und Aluprofile, sowie alle benötigten Einzelteile vom Ausfallende bis zur Sitzauflage erhältlich.
Weil es mir jedoch um das "Dengeln" an sich ging, wollte ich soweit wie möglich auf Fertigteile verzichten und habe mich mit Säge und Feile am Flachstahl gütlich getan.
Hier sind die Ausfallenden der vorderen Schwinge sowie die Schwingenhalterungen zu sehen.



click to enlarge pictureProbehalber habe ich hier einmal die die Schwingenhalterung montiert. Die Hülse des Schwingenlagers im Hauptrahmen ist Rohr 18 x 2 mm. In die Enden werden Gleitlagerbuchsen 14/10 mit Bund eingepresst. Ein wiederum hier eingeschobenes 10 x 1 mm Röhrchen stellt die Führung für die eigentliche Schwingenachse, einen M8 Gewindestab dar. Der Gewindestab wird jeweils mit selbstsichernden Muttern gekontert: fertig ist die spiel- und wartungsfreie Lagerung :-)



click to enlarge picture Für das Schaltaugengewinde habe ich mir einen Gewindeschneider M10 X 1 geliehen und mir gleich einen kleinen Vorrat von vorgearbeiteten Schaltaugen angelegt.
Während die Ausfallenden selbst aus 6 mm Material bestehen, hat der "Ausleger" mit dem Schaltauge keine großen Kräfte zu ertragen und ist deshalb nur aus 4 mm Material. Nach der Formgebung wird der Ausleger einfach am Ausfallende angeschweisst.
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click to enlarge picture Um die Schwingen schön in Form zu bringen, habe ich mir eine Vorrichtung gebaut. - Damit klappt es ganz gut, wie man im rechts Ergebnis sehen kann :-))
Deutlich ist hier auch zu sehen, dass die vordere Schwinge 4 cm länger ist.
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click to enlarge picture Die Antriebsachse ist breiter als die normale Nabe. So ergibt sich an der Stelle, an der die Cantisockel befestigt werden, eine größere Breite als die üblichen 80 mm. Also muss die Konstruktion unterbaut werden. Hierzu nehme ich wiederum ein Stück 18 x 2 mm Rohr, welches ich der Länge nach halbiert habe. click to enlarge picture


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Eines des Fertigdrehteile, die ich benutzt habe, war der "Balhoofdset bike compleet incl lagers", also das zentrale Knickgelenk. Dabei handelt es sich um ein recht massives Bauteil.




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Das Tretlagerrohr sollte wie beim Original verschiebbar sein. Aus 4 mm Bandstahl habe ich eine Hülse gebogen, die genau um das Hauptrahmenrohr herum passte. Zu öffnen ist diese Hülse über aufgelötete "Langmuttern" in M5.



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Dann wurde es Zeit, mal eine erste Montage vorzunehmen und mit dem 1:1 Entwurf vom Anfang zu vergleichen - stimmt doch ganz gut :-)))





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Aus 2 mm Alublech wird ein Ketteschutz herausgearbeitet - echte Frickelarbeit mit der Laubsäge ...

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Stark abweichen von der Originalvariante musste ich bei dem Teil, was den Lenker aufnimmt. Auch hier wollte ich kein Fertigbauteil nehmen. Mangels entsprechenden Materials und technischen Möglichkeiten (wie bekomme ich eine exakte 25,4 mm Durchmesser Fräsung in einen massiven Stahlklumpen?) habe ich mir eine andere Variante ausgedacht und umgesetzt:

click to enlarge picture + click to enlarge picture = click to enlarge picture


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Die Befestigung mit der Schelle finde ich ganz Vorteilhaft, weil ich so mit der Positionierung noch etwas herum experimentieren kann.
Damit ich nicht zu stark am Lenker zerren kann (wie man hört und liest, ist dies der Hauptfehler der Flevo-Anfänger), habe ich lediglich einen Kinderlenker montiert. So kann man gar nicht so starke Hebelkräfte wirken lassen.


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Jetzt nur noch schnell Tretlagergarnitur, Kette und Bremsen montieren, dann war es das erst einmal ...
Achja, der Holzsitz ist noch eine frühe beta-Version - da werde ich auch noch ein wenig herum probieren, bis es am besten passt.






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So, da haben wir ihn, den stolzen "Neu-Flevonauten" mit seinem Dengelobjekt. Nach etwa 6 Wochen ist aus einem Haufen Stahlprofilen ein schönes neues Spielzeug geworden.
Jetzt muss ich es nur noch fahren lernen ...




Flevo - Führerschein



1. Fahrstunde So., 09.02.2003
Die ersten 50 Minuten sind ziemlich frustrierend. Kaum bekomme ich mal beide Füße gleichzeitig auf die Pedale. Dann komme ich aber doch irgendwann ins Rollen und es rollt !!! - Keineswegs dahin, wo ich gerne hinmöchte, aber auf dem leeren Parkplatz ist reichlich Platz. Als vorweisbares Ergebnis des heutigen Tages: 1. das Flevo fährt :-)) 2. ich bin 14 Minuten mit nur 2 mal Füße absetzen gefahren !!


2. Fahrstunde Mo., 10.02.2003
Heute ist mein Parkplatz besetzt. Ich begebe mich also auf den Parkplatz der nahen Disco, da ist jetzt nichts los - leider ist er von Scherben übersät; prima Test für die neuen Schwalbe-Reifen mit Kevlar-Einlage ...
Ich schaffe es wieder, längere Zeit ohne Füße auf den Boden zu fahren. Echte Richtungsweisungen zu geben, bin ich jedoch noch nicht in der Lage. Der Platz auf dem Parkplatz wird schon noch benötigt.


3. Fahrstunde Di., 11.02.2003
Heute wage ich mich auf einen Wirtschaftsweg: geteert, eben, etwa 3 Meter breit. Wenn ich nicht weiter darüber nachdenke, geht es mit dem "Geradeausfahren" ganz gut. Sogar, dass ich nur die halbe Fahrbahnhälfte benutze. Sobald ich jedoch versuche, bewusst gerade zu fahren, klappt es nicht und ich komme ins Schlingern ? Leider habe ich heute auch nicht so viel Zeit, also muss ich schon nach einer halben Stunde meine Fahrübungen abbrechen.



Fortsetzung folgt ...