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Im Nationalsozialismus wurden Minderheiten (wie auch die Juden) verfolgt. Jeder konnte seine Aggressionen gegenüber Minderheiten ausleben. Regierung, Partei, Behörden und der »150-prozentige« Nationalsozialismus setzten die deutschen Juden seit 1933 ständig unter Druck. Ihre Lebensmöglichkeiten wurden immer mehr eingeschränkt. Im Jahr 1936 beschwerte sich beispielsweise ein »Volksgenosse«, dass die Juden Verbote in der Hansestadt Bremen nicht in Kraft traten:
»Wie ich heute Morgen feststellen musste, waren im Hansabad 3 Juden und zwar 1 Jude und 2 Jüdinnen. Es ist mir unverständlich, dass Juden dort zugelassen sind. Der Wärter sagte es bestände dort... kein Judenverbot. Es ist aber höchste Zeit, dass ein solches Verbot in Kraft tritt, da auch in anderen Städten derartige Verbote für Juden bestehen. Zit. nach Inge Marßolek/René Ott, Bremen im 3. Reich. Anpassung-Widerstand-Verfolgung, Bremen 1986, S. 175. |
Die meisten Personen schwiegen aus Angst, aus Opportunismus, aus Gleichgültigkeit, aus uneingestandenem Antisemitismus oder aufgrund anderer Vorurteile.
Im November 1938 organisierte die nationalsozialistische Führung die bis dahin größte Juden-Verfolgung. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 begann alles unter dem Vorwand, einen Vergeltungsschlag gegen »die Juden« zu führen, weil zuvor ein deutscher Diplomat von einem Juden erschossen worden war. In dieser Nacht steckten aufgebrachte Deutsche Synagogen in Brand. Sie randalierten in jüdischen Wohnsiedlungen, Geschäften und Schulen. Sie misshandelten und töteten jüdische Frauen und Männer. Die Polizei ließ die antisemitischen Randalierer, welche angeblich spontan angriffen, wüten. Auch diejenigen Deutschen, die die Übergriffe nicht billigten, wagten ihre Angst, Scham und Betroffenheit nicht öffentlich zu zeigen.
Jüdische Geschäftsleute und Handwerker wurden gezwungen ihre Geschäfte weit unter Preis an ihre »arischen« Konkurrenten zu verkaufen. In der Folgezeit wurde die jüdische Bevölkerung immer stärker unter Druck gesetzt, wie aus dem Monatsbericht der Gendarmeriestation Reichenhall hervorgeht:
»Am 13.12.1938 vergiftete sich die in Bayerisch Gmain wohnhaft gewesene 67-jährige verwitwete Jüdin und Schauspielersgattin Klara Dapper mit Veronal, weil man ihr in der Nacht vom 12./13.12. vor ihre Haustür in Bayerisch Gmain von bis jetzt unbekannten Tätern einen Zettel mit der Aufschrift gehängt hatte: Alle Juden endlich mal heraus!" Die Dapper hatte in Bayerisch Gmain ein Wohnhaus, das ihr Eigentum war. Die Ortschaft ... ist somit judenfrei.« Zit. nach: Bayern in der NS-Zeit, München 1977, S. 479. |
Wenige Deutsche hatten den Mut, gegen die antisemitischen Ausschreitungen Stellung zu beziehen. So wird in einem Bericht der politischen Polizei vom März 1939 über einen Pfarrer berichtet:
»Der evangelische Pfarrer Friedrich Seggel in Mistelgau (Landkreis Bayreuth) wurde am 28. Februar 1939 wegen Vergehens gegen ... § 2 des Gesetzes gegen heimtückische Angriffe auf Partei und Staat angezeigt. Seggel hat am 26. November 1938 (Buß- und Bettag) bei seiner Predigt ... die Juden in Schutz genommen. Zit. nach: Bayern in der NS-Zeit, München 1977, S. 479. |
Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wird von manchen heute noch gedankenlos als »Kristallnacht« bezeichnet. Der Berliner Volksmund soll die Benennung wegen den vielen Glasscherben an zerstörten und geplünderten jüdischen Häusern und Synagogen erfunden haben. Die Nationalsozialisten übernahmen den Begriff in der »gleichgeschalteten« Presse. Tatsächlich verharmlost dieser Begriff aber das organisierte Pogrom gegen Menschen, indem er ein schönes Wort für eine schreckliche Begebenheit setzt. Aus diesem Grund ist die Bezeichnung »Pogromnacht« vorzuziehen.
Pogrom (aus dem Russischen: »Verwüstung«, »Unwetter«) staatlich gelenkte oder geduldete Ausschreitungen fanatisierter Gruppen gegen rassische, nationale oder religiöse Minderheiten, besonders gegen Juden seit dem Mittelalter. 1881 fanden große Pogrome in Russland statt, nachdem revolutionäre Anarchisten Zar Alexander II. ermordet hatten. Nach: »Pogrom«, Microsoft Encarta 98 Enzyklopädie. |
1938 war der Höhepunkt der NS-Judenpolitik vor dem 2. Weltkrieg. Die jüdischen Kultusvereinigungen wurden »eingetragene Vereine«, Vermögen über 5000 RM mussten gemeldet werden, jüdischer Gewerbebetriebe waren zu kennzeichnen, die Approbation für jüdische Ärzte wurde gestrichen, die Familien- und Vornamen wurden durch Hinzufügung der Vornamen »Sara« und »Israel« bei Juden mit nichtjüdischen Vornamen geändert, die Zulassung der jüdischen Rechtsanwälte wurde gestrichen, die Reisepässe wurden durch neue, mit einem »J« ergänzte, ersetzt und 17000 in Deutschland lebenden polnischen Juden wurden ausgewiesen.
Am 12. November 1938 musste 1 Milliarde RM als sogenannte »Sühneleistung« für die Wiederherstellung der durch den Mob in der Pogromnacht verursachten Sachschäden und die Rückzahlung der von den Versicherungen geleisteten Entschädigungen gezahlt werden. Weitere Maßnahmen zielten auf die »Ausschaltung« der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben (»Zwangsarisierung«) und das Verbot des Besuchs von Kulturstätten und der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel. Die höheren Schulen wurden für Juden gesperrt.
1939 versuchten viele Juden auszuwandern, weil sich ihre Lage immer mehr verschärfte. Meistens aber scheiterten die Versuche an mangelnder Hilfsbereitschaft der Aufnahmeländer, den Vermögensbeschlagnahmungen und der Unmöglichkeit des Devisentransfers. Nach Kriegsbeginn lag die Polizeigewalt in den besetzten Gebieten in den Händen Himmlers und seiner Organe, der SS und des SD (= Sicherheitsdienst). Die Ausrottung der Juden in Polen wurde in drei Schritten durchgeführt:
In Russland erfolgt die Ausrottung der Juden durch Einsatzgruppen. 1941 wurde Reinhard Heydrich durch Göring mit der sogenannten »Endlösung der Judenfrage«, der biologischen Vernichtung des Judentums beauftragt. Am 20. Januar 1942 wurde folgendes Programm festgelegt:
Am 14. Juli 1933 wurde ein »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« in Kraft gesetzt. Als letzte Konsequenz des Gesetzes wird im Krieg das »Euthanasieprogramm« durchgeführt, nach dem »unheilbar Kranken der Gnadentod gewährt werden kann« (Oktober 1939). Für die Durchführung der verbrecherischen Willkürakte (Tötung von 70000 Menschen bis August 1941) sind neben dem Krankheitsmerkmal auch Arbeitsfähigkeit und Rasse ausschlaggebend.
Vor dem Abtransport in die Vernichtungslager erhoben sich die Frauen und Männer des Warschauer Gettos. Deutsche Einheiten schlugen den Aufstand nieder. In einem Bericht eines SS-Befehlshabers werden 56065 nachweislich »vernichtete« Juden erwähnt.
Jüdische Frauen, Männer und Kinder unter 15 Jahren, welche arbeitsunfähig waren, wurden mit Viehwaggons zu den Vernichtungslagern transportiert und dort sofort in Gaskammern getötet und in Krematorien anschließend verbrannt. Die noch arbeitsfähigen aber wurden als Sklavenarbeiter oder Sklavenarbeiterinnen eingesetzt. Es wurden arbeitsfähige Häftlinge als billige Arbeitskräfte von der SS geliehen und in Großunternehmer und Konzerne errichteten Fabriken neben den Vernichtungslagern darunter Siemens, Krupp, IG Farben eingesetzt. In anderen Arbeitskräften hingegen wie z. B. Ärzte wurde mit ihnen tödliche »wissenschaftliche Experimente« durchgeführt. In ihrem Vernichtungswahn ermordeten die Täter Millionen Juden, Sinti und Roma, »Slawische Untermenschen«, »Bolschewisten«, Homosexuelle alle, die sie in ihrem Rassismus für »minderwertig« erklärten. Dies alles geschah mitten im 20. Jahrhundert in dem von Deutschen besetzten Teil Europas. Ein 13-jähriges deutsches jüdisches Mädchen, welches in Amsterdam mit ihrer Familie lebte und am 4. August 1944 verhaftet und nach Auschwitz deportiert wurde und anschließend im KZ Bergen-Belsen an Unterernährung und Typhus starb, berichtet in ihrem Tagebuch 19. November 1942, welches der einzige Überlebende der Familie (der Vater) später veröffentlichte:
»Abend für Abend rasen die grauen und grünen Militärautos durch die Straßen. Die »Grünen« (das ist die deutsche SS) und die »Schwarzen« (die holländische Nazi-Polizei) suchen nach Juden. Wo sie einen finden, nehmen sie die ganze Familie mit. Sie schellen an jeder Tür und ist es vergeblich, gehen sie ein Haus weiter. Manchmal sind sie auch mit namentlichen Listen unterwegs und holen dann systematisch die »Gezeichneten«. Niemand kann diesem Schicksal entrinnen, wenn er nicht rechtzeitig untertaucht ... es ist wie eine Sklavenjagd in früherer Zeit. Ich sehe es oft im Geiste von mir: Reihen guter unschuldiger Menschen mit weinenden Kindern, kommandiert von ein paar furchtbaren Kerlen, geschlagen und gepeinigt und vorwärts getrieben, bis sie beinahe umsinken. Niemand ist ausgenommen. Die Alten, Babys, schwangere Frauen, Kranke, Sieche alles, alles muss in diesen Todesreigen! ... Mir ist so bange, wenn ich an alle denke, mit denen ich mich so eng verbunden fühlte, die nun ausgeliefert sind an die grausamsten Henker, die die Geschichte kennt. Und alles, weil sie Juden sind!« Das Tagebuch der Anne Frank, Frankfurt 1980. 53. Auflage. S.46 f. |
4194200 bis 4851200 europäische Juden wurden getötet oder kamen allein durch Vergasung in den Vernichtungslagern Auschwitz, Chelmno, Belzec, Sobibor und Treblinka um. Die meisten mit Deutschland verbündeten und befreundeten Mächte unterstützen durch antisemitistische Gesetzgebung die Ausrottung der Juden. Erfolgreichen Wiederstand gab es in Finnland, Italien, Bulgarien und Dänemark.
Niko Meinhardt, Benjamin Schmidt