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Juden im Mittelalter

Mitte des 10. Jahrhunderts verlagerte sich das Zentrum der weltlichen und religiösen jüdischen Lehre von Mesopotamien ins maurische Spanien. Schon vor der Expansion des Römischen Reiches hatte es hier jüdische Kolonien gegeben. Diese sahen sich immer wieder Verfolgungen ausgesetzt, insbesondere nachdem die Westgotenkönige sich im 6. Jahrhundert zum Christentum bekehrt hatten. Der Eroberungszug der Muslime bedeutete für die Juden eine Zeit des Friedens. Sie bekleideten nun wichtige Ämter als Staatsmänner, Ärzte, Bankiers und Gelehrte. Die Epoche des Friedens endete Mitte des 13. Jahrhunderts, als die Macht der Muslime auf der Iberischen Halbinsel schwand. Unter den katholischen Königen erwartete die Juden das Schicksal ihrer Glaubensbrüder und -schwestern im übrigen Europa.

Im gesamten Mittelalter waren Judenverfolgungen in christlichen Ländern an der Tagesordnung. Während der Kreuzzüge wurden Tausende von Juden zum Opfer der ausziehenden Kämpfer. 1215 berief Papst Innozenz III. das 4. Laterankonzil ein, das eine an den Kodex Omar erinnernde Restriktionspolitik den Juden gegenüber verkündete und sie zwang, sich öffentlich kenntlich zu machen. In ganz Europa grenzte man die Juden aus. In den Städten mussten sie fortan in Ghettos leben und durften sich nicht mehr frei bewegen. Im 13. und 14. Jahrhundert füllten die europäischen Könige ihre Schatzkammern mit konfisziertem jüdischen Eigentum, dessen rechtmäßige Besitzer sie vertrieben. 1290 enteignete König Edward I. von England die Juden und verwies sie des Landes. 1394 folgte Karl VI. von Frankreich seinem Beispiel. Als im 14. Jahrhundert der schwarze Tod in Europa wütete, mussten abermals zahlreiche Juden sterben, weil die Christen sie für die Urheber der Seuche hielten. In Spanien führten die von der Kirche ausgehenden Verfolgungen dazu, dass die Juden scharenweise konvertierten, um ihr Leben zu retten. In vielen Fällen waren diese Bekehrungen rein äußerlich, insbesondere bei den Marranen, die sich zwar zum Katholizismus bekannten, insgeheim aber weiter ihrem früheren Glauben anhingen. Ab 1478 verfolgte die spanische Inquisition diese Gruppe, und 1492 wurden alle Juden aus dem Land vertrieben. 1497 folgte die Ausweisung aus Portugal. Die Emigranten aus Westeuropa fanden im östlichen Teil des Kontinents Zuflucht. Tausende von spanischen Juden flohen in die europäische Türkei, wo zu der Zeit eine Politik der islamischen Toleranz herrschte. Im 16. Jahrhundert befand sich die größte jüdische Gemeinde Europas in Konstantinopel.

Die meisten Juden, die in England, Frankreich, Deutschland und der Schweiz verfolgt wurden, ließen sich in Polen und Russland nieder. Um 1648 betrug ihre Zahl in Polen über 500 000, die innerhalb des Königreiches ihre Autonomie bewahrten und das Land zu einem Zentrum des jüdischen Lebens machten. Zwischen 1648 und 1658 kam es zu Verfolgungen in der Ukraine, die nach dem Aufstand des Kosakenführers Chjelmnizki (um 1595 bis 1657) einsetzten. Als auch jüdische Gemeinden in Polen zerstört wurden, war das jüdische Volk auch im osteuropäischen Raum in seiner Existenz bedroht. Von nun an durften die Juden eine Vielzahl von Berufen nicht mehr ausüben. Handwerk, Landwirtschaft und Handel in großem Umfang blieb ihnen verschlossen, so dass sie sich auf den Kleinhandel beschränken mussten.

Weiterführende Informationen

Stefan Krämer, Toni Koch