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Juden & Christen

Paulus vergleicht im Römerbrief Juden und Christen mit einem Ölbaum, in dessen Stamm Zweige eingepropft sind:

(17) Wenn aber einige Zweige heraus­gebrochen wurden und wenn du als Zweig vom wilden Ölbaum in den edlen Ölbaum eingepfropft wurdest und damit Anteil erhieltest an der Kraft seiner Wurzel,

(18) so erhebe dich nicht über die anderen Zweige. Wenn du es aber tust, sollst du wissen: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.

(19) Nun wirst du sagen: Die Zweige wurden doch heraus­gebrochen, damit ich eingepfropft werde.

(20) Gewiss, sie wurden herausgebrochen, weil sie nicht glaubten. Du aber stehst an ihrer Stelle, weil du glaubst. Sei daher nicht über­heblich, sondern fürchte dich!

(21) Hat Gott die Zweige, die von Natur zum edlen Baum gehören, nicht verschont, so wird er auch dich nicht verschonen.

Römer 11,17-21

Ekklesia und Synagoge (Marburg, Elisabethkirche)

Paulus ermahnt die Christen, nicht überheblich zu sein gegenüber dem Judentum und verweist die Christen auf ihre Herkunft aus dem Judentum: Die Bibel, die Propheten und Apostel, Jesus selbst kommen aus Israel. Die Überheblichkeit der Christen, von der Paulus spricht, kann im Laufe der Geschichte oft beobachtet werden. Christen stell(t)en sich dar, als ob sie den besseren Glauben haben und weniger rückschrittlich sind.

Deutlich wird dies an symbolischen Darstellungen der beiden Religionen in Form von zwei Frauengestalten wie in einem Glasfenster der Marburger Elisabethkirche: links die Kirche, eine Frauengestalt mit der Krone der Wahrheit auf dem Kopf und mit der Fackel der Wahrheit in der Hand oder mit dem Kelch des Heils, und demgegenüber die andere Frauengestalt, rechts die Synagoge, mit verbundenen Augen als dem Symbol ihrer Blindheit und mit dem zerbrochenen Stab in der Hand, der untauglich geworden ist, sich darauf zu stützen.

Die Einstellung, die hier von Seiten der Christen gegenüber dem Judentum sichtbar wird, wird als Antijudaismus bezeichnet. Christlicher Antijudaismus war – obwohl keine unmittelbare Ursache – eine Voraussetzung, die den Antisemitismus im 20. Jahrhundert möglich gemacht hat.


Stichwort »Antijudaismus«:

Im Gegensatz zum Antisemitismus (politisch begründeter Judenhass) handelt es sich beim Antijudaismus um einen Judenhass, der sich auf so genannte christliche Begründungen stützt. Kennzeichen sind u. a.:

  • die Enterbungstheorie, nach der die Verheißungen Israels auf die Kirche übergegangen sind,
  • die Substitutionstheorie*, nach der die Kirche als Volk Gottes an die Stelle Israels getreten ist,
  • die Behauptung, dass Israel als gesamtes Volk die Schuld an der Kreuzigung Jesu trage,
  • die Behauptung, das Leid der Juden im Verlauf der Geschichte sei ein Ausdruck göttlicher Strafe,
  • die Forderung, die Juden müssten sich zu dem von der Kirche vertretenen Christusglauben bekehren, d. h. die Forderung nach einer christlichen Judenmission.

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*   Substitution (lat.) = Ersetzung

Auf ihrer 5. Tagung der 9. Synode vom 5. - 10. November 2000 erklärte die Evangelische Kirche in Deutschland:

Kundgebung zu Christen und Juden
50 Jahre Erklärung von Weißensee

Vor 50 Jahren erklärte die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland auf ihrer 2. Tagung in Berlin-Weißensee:

»Wir glauben an den Herrn und Heiland, der als Mensch aus dem Volk Israel stammt. Wir bekennen uns zur Kirche, die aus Judenchristen und Heidenchristen zu einem Leib zusammengefügt ist und deren Friede Jesus Christus ist. Wir glauben, daß Gottes Verheißung über dem von ihm erwählten Volk Israel auch nach der Kreuzigung Jesu Christi in Kraft geblieben ist.«

Erstmals hat damit eine evangelische Synode der auch in der evangelischen Kirche weit verbreiteten Auffassung, nach der das Volk Israel von Gott verworfen und durch die Kirche als das wahre Israel ersetzt sei, widersprochen und ihr die Überzeugung entgegengestellt, dass die Verheißung Gottes über dem erwählten Volk in Kraft geblieben sei.

Zugleich hat sie erklärt:

»Wir sprechen es aus, daß wir durch Unterlassen und Schweigen vor dem Gott der Barmherzigkeit mitschuldig geworden sind an dem Frevel, der durch Menschen unseres Volkes an den Juden begangen worden ist.«

Damit hat die Synode die Mitschuld der Kirche an der Verfolgung und Ermordung des europäischen Judentums bekannt. Zugleich hat sie die Warnung ausgesprochen,

»das, was über uns Deutsche als Gericht Gottes gekommen ist, aufrechnen zu wollen gegen das, was wir an den Juden getan haben«.

Wir weisen alle Versuche zurück, einen Schlussstrich unter unsere deutsche Geschichte bis 1945 zu ziehen.

Wir führen - auf der Grundlage der Studien des Rates der EKD "Christen und Juden" I (1975), II (1991) und III (2000) sowie der Synodalerklärungen zahlreicher Gliedkirchen und gliedkirchlicher Verbände zur Neubestimmung ihres Verhältnisses zu Israel - die Erklärung von 1950 fort:

Nicht nur durch "Unterlassen und Schweigen" ist die Kirche schuldig geworden. Vielmehr ist sie durch die unheilvolle Tradition der Entfremdung und Feindschaft gegenüber den Juden hineinverflochten in die systematische Vernichtung des europäischen Judentums. Diese theologische Tradition hat nach 1945 Versuche zu einer Neubestimmung ihres Verhältnisses zum jüdischen Volk belastet und hinausgezögert.

Heute können wir aussprechen:

  1. Wir glauben, dass Gott, der Schöpfer und Herr der Welt, in Jesus Christus »unser Vater«, Israel als sein Volk erwählt hat. Er hat sich für immer an Israel gebunden und bleibt ihm in der Kontinuität von biblischem Israel und jüdischem Volk treu. Die Jüdinnen und Juden sind uns Zeugen der Treue Gottes.
  2. Wir bekennen uns zur Heiligen Schrift Israels, der Bibel Jesu und der Urchristenheit, unserem Alten Testament. Das Christuszeugnis des Neuen Testaments ist Mitte und Quelle unseres christlichen Glaubens. Beide Testamente bilden eine sich wechselseitig auslegende Einheit. Sie sind Grundlage und Richtschnur für die Neubestimmung unseres Verhältnisses zum jüdischen Volk. Wir sind dankbar dafür, dass Jüdinnen und Juden uns durch ihre Auslegung zu einem vertieften Verständnis der Bibel helfen.
  3. Wir glauben an Jesus Christus, Sohn Gottes und Glied seines Volkes. In ihm ist der Gott Israels Mensch geworden und hat die Welt mit sich selbst versöhnt.
  4. Wir bezeugen unsere Teilhabe an der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Unsere Erwählung in Christus ist Erwählung durch denselben Gott, der sein Volk Israel erwählt hat.
  5. Das Neue Testament bezeugt die eine Kirche aus Judenchristen und Heidenchristen. Wir sehen in unseren christlichen Geschwistern jüdischer Herkunft Zeugen unserer unlösbaren Verbundenheit mit dem bleibend erwählten Gottesvolk Israel.
  6. Wir erkennen – bei aller Unterschiedenheit – als Gemeinsamkeit
    • den Glauben an den Einen Gott - für uns Christen in der Einheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist,
    • das Hören und Tun der Gebote Gottes - für uns Christen in der Nachfolge Jesu,
    • die Erwartung des letzten Gerichts und die Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde – für uns Christen verbunden mit der Wiederkunft Jesu Christi.
  7. Das Gespräch über den Glauben schließt die Achtung vor der Identität der anderen ein. Die Bemühungen um ein geschwisterliches Verhältnis von Christen und Juden sind eine für Kirche und Theologie zentrale Herausforderung und bleibende Aufgabe.

Braunschweig, den 9. November 2000. Der Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland

Weiterführende Informationen

Dennis Heicke, Tim Scheckel