Marburger Universitätskarzer wird restauriert
Von Norbert Nail
„Auch Du, von deinem Giebeldach, siehst mir umsonst, o Karzer, nach!
Für schlechte Herberg Tag und Nacht sei dir ein Pereat [Zum Teufel mit dir!] gebracht."
Manchem Zeitgenossen mag diese Strophe eines alten Studentenlieds („Bemooster Bursche zieh ich aus …“) unwillkürlich durch den Kopf gehen, wenn sein Blick hinaufschweift zu den Dachgauben des Universitätsgebäudes am Marburger Lahntor. Nach 125 Jahren geht es dem Karzer, dem 1879 im damaligen Neubau der Universität (innerhalb der ehemaligen Hausmeisterwohnung) eingerichteten Gefängnisraum für Studenten, mittlerweile selbst schlecht.
Im Marburger Universitätskarzer 2003 (Foto: Heike Heuser)
Als eine in Statuten und Privilegien der Universität verankerte Institution der früheren akademischen Gerichtsbarkeit (Gefängnis zur Abbüßung von Straf-, Schulden- oder Untersuchungshaft) nahm der Karzer zuletzt noch, d. h. bis 1931, Disziplinarfunktion wahr: Auffällig gewordene Studenten konnten bis zur Höchstdauer von 14 Tagen vom Universitätsgericht zu „Karzer“ verurteilt werden. Traditionell nutzten die Verurteilten ihre Haftzeit, um an Decke, Wänden und Mobilien des Karzers „Zeugnis“ vom eigenen Aufenthalt abzulegen. Da zumeist Verbindungsstudenten den Karzer bevölkerten, sind - neben den Namen der Delinquenten - Korporationsinsignien ein häufiges Motiv der „Karzer-Fresken“. Zitate von Karzer-Urteilen mit „Tat“-Hintergründen (etwa „6 Tage wegen wiederholten Ungehorsams geg. Rector“) wechseln mit Auszügen aus bekannten Studentenliedern und mit stimmungsvoller Augenblickslyrik; und immer wieder taucht das Konterfei des verhaßten Antiburschius, des diensteifrigen Polypen auf, dessen Aufmerksamkeit so manchem studentischen Übeltäter zum Verhängnis wurde. Sehnsüchte nach der Liebsten oder nach der Heimat sind an den Karzerwänden ebenso festgehalten wie das zeitgeschichtliche Ereignis eines Studentenstreiks von 1893 oder das seit 1908 in Marburg aufgekommene Frauenstudium - mit den Typen Studentin (abgehärmt mit Brille) und Studeuse (modischer Bubikopf).
Ein sehr wechselhaftes Kleinklima, bedingt durch mangelhafte Isolation nach außen (dünnwandige Gaube) wie nach innen zur geheizten Hausmeister-Wohnung (der Ofen im Karzer besitzt schon lange nur dekorative Funktion), hat über die Jahre zur Pilzbildung und zum Lösen der Putz- und Malschichten an den Wänden im Karzerraum beigetragen. Aber auch Besucher fühlten sich in den vergangenen Jahrzehnten angesprochen, unbefugt und zerstörerisch in diesem einzigartigen Museum studentischer Graffiti-Kunst tätig zu werden.
Um dem Verfall Einhalt zu gebieten und um weitere Gefährdungen auszuschließen, die zur Zeit von Umbaumaßnahmen innerhalb der einstigen Hausmeister-Wohnung ausgehen könnten, hat die Marburger Universitätsverwaltung einen Restaurator beauftragt, die Schäden im Karzerraum zu dokumentieren und Maßnahmen zur Klimaverbesserung und zur Sicherung besonders gefährdeter Malabschnitte einzuleiten. Daher bleibt der Karzer auch für Besucher (vorläufig) gesperrt.
Diese und weitere Sicherungsmaßnahmen kosten Geld, viel Geld, das die Universität derzeit nicht hat. Hilfe kommt aber von ihren Studenten: So stellt der studentische Verein „Studentenkultur an der Alma mater Philippina“ aus Spendenmitteln seiner Mitglieder sowie aus Spenden interessierter Marburger Bürger einen größeren Betrag zur Rettung des Karzers und damit zur Rettung eines universitätshistorischen Kleinods zur Verfügung - übrigens eines Kleinods, das Marburg in eine Reihe mit anderen berühmten Universitäts- und Karzerstädten wie Göttingen oder Heidelberg stellt http://www.uni-marburg.de/zv/news/presse/2004_12_07_karzer/text.html
Daneben kann auch zugunsten des Karzers gespendet werden:
Philipps-Universität Marburg
Konto 108, BLZ 533 500 00
Sparkasse Marburg-Biedenkopf
Zugunsten Fondsnummer 87003061 – Karzer
Die Universität stellt auf Antrag eine Spendenbescheinigung aus!
© Dr. Norbert Nail (2004)