von Wolfgang Näser, Marburg
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein. Dieses Zitat (aus GOETHEs "Faust I", Osterspaziergang) sollte auch und gerade in der Arbeitswelt gelten, wo wir schließlich einen Großteil unseres Lebens verbringen. Doch weit gefehlt: denn hinsichtlich der Menschen- oder, wie es offiziell heißt, Personalführung gibt es leider keinen "TÜV", sonst würden vermutlich so manche weisungsbefugte Zeitgenossen sang- und klanglos durchfallen.
Während die vergangenen drei Jahrzehnte geprägt waren von
Bemühungen, die Arbeitswelt humaner, also menschlicher zu gestalten,
wird derzeit die Betriebsatmosphäre nicht selten getrübt durch
einen ruppigen, ja oft rüden Umgangston und erschreckende
Gleichgültigkeit gegenüber Untergebenen wie auch im
Kolleg(inn)enkreis. Konkurrenzkampf und Einzelkämpfer-Verhalten
wachsen in dem Maße, wie in unserem Lande immer mehr
Sozialleistungen abgebaut, Arbeitsleistungen wegrationalisiert
und ältere Menschen zum "alten Eisen geworfen" werden. Hauptursache
ist ein seit etwa 1980 immer stärker und tiefgreifenderer Strukturwandel
in der Arbeitswelt. Während - nach konservativ japanischem Vorbild -
früher auch und gerade hierzulande die Firma so etwas wie eine "große
Familie" bedeutete und deren Oberhaupt sich auch in sozialer Hinsicht für
seine "Untergebenen" verantwortlich fühlte, ist - leider auch im Bereich
wissenschaftlicher Forschung - das moderne Arbeits-Biotop geprägt von
rein projektbezogenem Denken und Handeln, wodurch der Mensch letztlich
zur temporär agierenden und dann vernachlässigbaren Denkmaschine
oder zum funktionalen "Modul" entwürdigt wird. Dieses utilitaristische
Kalkül greift besonders erschreckend im sog. Drittmittel-Bereich,
wo halbe oder gar Drittelstellen als kurzfristige Almosen gehandelt werden
und die somit Beschenkten nach dem Projektende sich wieder selbst
überlassen bleiben - bis sich nach einer Reihe kürzerer "Engagements"
eine längerfristige Perspektive ohnehin erübrigt hat. Die heute
immer selteneren Dauerstellen sind zwar existenziell "besser
dran"; andererseits zeigt sich gerade hier bisweilen die systembedingte
Rechtlosigkeit des sog. akademischen Mittelbaus.
"Seelische Gewalt liegt immer dann vor, wenn jemand psychisch unterworfen wird, sei es, um ihn zur Kündigung zu bewegen und aus einer Firma auszuschließen, sei es, um ihn zu vernichten. Dahinter steht eine bösartige Freude, die Lust, einem anderen zu schaden, ihn als Nichts zu behandeln, seiner Würde zu berauben, ihn dort zu treffen, wo es am meisten weh tut. Ziel ist keineswegs, den oder die Betreffende/n zu besserer oder effizienterer Arbeit anzustacheln, im Gegenteil, oft entzieht man ihm oder ihr die Arbeitsmittel, die Unterlagen, zuweilen auch unverzichtbare Informationen und die nötige Ausstattung. Dieses Gefühl der völligen und grundlosen Entwertung, die Erfahrung von äußerster Respektlosigkeit kann manche um den Verstand bringen, viele fallen in Depressionen, und gesundheitliche Schäden sind fast immer die Folge."
Quelle: Katalog C.H. BECK Herbst 2002, S. 13 zu Marie-France Hirigoyen, Wenn der Job zur Hölle wird. Seelische Gewalt am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehrt. München 2002
Mobbing ist "in"
Mobbing hat vielerlei Spielarten. Im wissenschaftlichen Umfeld wird
es ebenso praktiziert wie im handwerklichen: ein besonders deshalb
deprimierender Umstand, weil man leicht geneigt sein kann, Akademiker
generell für besonders einfühlsam, takt- und
rücksichtsvoll zu halten. Die Realität zeigt jedoch zunehmend das
krasse Gegenteil: Wissenschaftlichkeit und Herzensbildung
müssen nicht Hand in Hand gehen, sondern schließen sich oft in
eklatanter Weise gegenseitig aus. Der Grund mag darin liegen, daß bestimmte
Menschen aufgrund einer oft fachbedingten Isolation ein geradezu
erschreckendes Maß an Lebensferne an den Tag legen, was sich
nicht nur in mangelnder Verantwortung für fragwürdige
Innovationen (z.B. Atombombe), sondern auch in unzureichender
Mitmenschlichkeit niederschlägt.
Eine besonders unangenehme Art des Mobbings vollzieht sich von Dritten nahezu unbemerkt im Subtilen: Jene Menschen, die es im Grunde nur gut meinen und die, oft unter persönlichen Opfern und mit entsprechendem Engagement, eigene Kreativität in Forschung, Lehre und Dienstleistung einbringen (wollen), läßt man - wenn überhaupt! - eine Zeit scheinbar gewähren (ins Leere hinein arbeiten) und sie dann schließlich gnadenlos "auflaufen" nach dem Motto "die nächste Rüge kommt bestimmt". Beschwert sich dann ein solcher Mitarbeiter, muß er damit rechnen, ins Messer zu laufen, was möglicherweise im Sinne der anderen Seite ist (da seht ihr, was der XYZ schon wieder angestellt hat); wichtige Details, die einen Beschwerdegang hätten verhindern oder dessen Grund hätten abändern können, wurden möglicherweise vorenthalten oder zu spät zur Kenntnis gebracht: ein Umstand, vor dem ich ausdrücklich warnen möchte.
Konsequent betriebenes Mobbing ist nichts anderes als gezielte Demontage der Persönlichkeit und als willentliche gravierende Schädigung der Psyche ein Verbrechen, das in seiner Grausamkeit und Konsequenz das Delikt der schweren Körperverletzung bei weitem übertrifft. Insofern ist Mobbing kein "Kavaliersdelikt" und sollte kompromißlos verfolgt und bestraft werden. Unnachsichtigen Mobbern sollte mit fristloser Kündigung oder Entfernung aus dem Amt klar gemacht werden, daß hier jedes Verständnis aufhört und in einer Gesellschaft, die sich human, zivilisiert und kultiviert nennt, solche Strategien unerwünscht sind und geächtet werden.
Die "Kunst" des Demotivierens
Grausamkeiten gibt es genug. Das Patent-Rezept scheint darin zu bestehen,
daß man den unbequemen Mitarbeiter (ich verwende der Einfachheit halber
im folgenden nur die männliche Form) einfach in jeder Hinsicht
ignoriert:
Derartige "Leitungs"-Strategien vergehen sich in eklatanter Weise gegen jede Art von Vernunft.
Der Mitarbeiter wird durch solches Verhalten schleichend demotiviert. In der ersten Phase wehrt er sich dagegen, begehrt auf, spricht mit Kollegen, beschwert sich; mit den Jahren erlischt das innere Feuer und damit die Energie; schon längst als Außenseiter, als Loser betrachtet und von den Kollegen gemieden, wird er gleichgültig, läßt sich gehen, resigniert und vegetiert lust- und initiativlos dahin. Ein Arbeitsleben wurde zerstört, eine möglicherweise zu besten Hoffnungen berechtigende Persönlichkeit ruiniert; was davon übrig geblieben ist, erfüllt nun alle Voraussetzungen lange zuvor planvoll ausgestreuter Gerüchte. Ja, dieser Mitarbeiter bringt nichts, er ist unfähig, wir haben es ja schon immer gesagt. Und die Konsequenzen?
Das, worüber sich einfachere Naturen möglicherweise freuen, gehört auf höherer Ebene zur rigidesten Stufe dieser Nichtbeachtung: ein leerer Arbeitstisch: eine schon vor Jahrzehnten in den USA praktizierte und wie vieles andere von dort "abgekupferte" Methode ebenso grausamer wie subtiler Zerrüttung. Diese "todsichere" Folter führt zur mehr oder weniger schnellen und ausweglosen Erkenntnis, daß man nicht gebraucht wird. Man zweifelt an seinen Fähigkeiten, vereinsamt, die Persönlichkeit wird zerstört; die meisten Betroffenen geben früher oder später auf.
Mobbing kann sich über einen großen Zeitraum erstrecken: in mehr oder weniger großen Abständen werden
Im Laufe eines solchen 'intermittierenden' Mobbings wird sich der Betroffene möglicherweise gezwungen sehen, öfter Beschwerde zu führen, was ihn, je nach Heftigkeit seines Engagements (und wenn er nicht aufgibt, s.o.), in negativer Weise auffällig machen und zum Querulanten abstempeln kann. Begünstigt wird dieser Eindruck dann, wenn sich die Kollegen aus Feigheit, Desinteresse (Gleichgültigkeit) oder Opportunismus grundsätzlich von dem zurückziehen, der in Ungnade gefallen ist (Freunde in der Not / gehen auf ein Lot). Heute, wo angesichts von nahezu 5 Millionen Arbeitslosen jeder sich selbst der nächste ist, setzt sich dieser Trend immer stärker durch und beginnt die früher vielbesungene Solidarität Mangelware zu werden.
Spätfolgen eines jahrzehntelangen Mobbings sind die Zerstörung der Persönlichkeit und der Verlust jeglichen Selbstvertrauens - das bedeutet irreparable psychophysische Defekte und einen gravierenden Verlust von Lebensqualität nicht nur in der Arbeit, sondern auch im Privatleben. In diesem Lichte gesehen, verliert ein solches Mobbing den Charakter des "Kavaliersdeliktes" und zeigt sich als das, was es in Wahrheit ist: ein krimineller Akt.
Der deutsche Professor
ist - nicht nur was seine Machtmittel anbelangt - eine besondere Spezies.
Gegen wir vom traditionellen Bild aus, also dem strengen, aber auch
gütigen Ordinarius à la Ferdinand Sauerbruch, so handelt
es sich um eine in jeder Beziehung herausragende Persönlichkeit,
einen Menschen, zu dem man aufschaut, weil er Autorität hat: zunächst
in wissenschaftlicher (also fachlicher) Hinsicht. Diese seine Kenntnis stellt
er in den Dienst richtungsweisender Forschung; seine Arbeitsmethoden sind
motivierend (er bildet eine "Schule") und seine Ergebnisse weiß
er eingängig und daher überzeugend zu vermitteln. Seine Studenten
leitet er so an, daß sie nicht nur Wissen erwerben, sondern dauerndes
Interesse und damit Freude an ihrem Studienfach gewinnen, und in diesem Sinne
ist er da (und hat Zeit) für
sie, wenn sie zur Sprechstunde erscheinen. Der deutsche Professor ist
Beamter auf Lebenszeit (oder höherer Angestellter im
Dauerarbeitsverhältnis), er leitet einen Lehrstuhl und ist damit
Vorgesetzter mehrerer oder - als Direktor eines Institutes oder einer klinischen
Einheit - sogar recht vieler Personen. Auch als Vorgesetzter motiviert
er, setzt er Maßstäbe, handelt richtungweisend
und ist nicht nur fachlich, sondern auch menschlich ein
Ansprechpartner, zu dem man Vertrauen gewinnt und auf Dauer behält.
Er weiß, daß Verantwortung nicht nur Aufsichts-, sondern
Fürsorgepflicht bedeutet, und ist in jeder Hinsicht
künftigen Führungspersonen ein ideales Vorbild. Er weiß,
daß es angeraten ist, in Fällen mit weitreichenden Konsequenzen
seine Mitarbeiter an den Vorplanungen zu beteiligen (und sie nicht im
Hauruckverfahren an die neue Aufgabe heranzuführen), damit sie in diese
Arbeit hineinwachsen.
Bitte legen Sie bei allem, was Sie in Ihrem universitären Arbeits-"Biotop" erleben, dieses Raster an. Deckt es sich mit dem zuvor Gesagten, dann haben Sie die Ehre, unter einem wahren "Bekenner" (das ist die Übersetzung des lateinischen Titels) zu arbeiten, einem Gentleman, einem Grandseigneur der Wissenschaft, der in allem zu dem steht, was seine Pflicht ist. Ich bin der erste Diener meines Staates, sagte übrigens schon Friedrich der Zweite. Wenn es um die Sache geht, dann macht es nichts aus, primus inter pares zu sein. Dort aber, wo es noch - oder wieder - Herren und Knechte gibt, dort gilt das zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit zitierte "Wo Könige bauen, da haben die Kärrner zu tun". Kärrnerarbeit wird als nobles Opfer verkauft und Autorität zu Willkür und Unterdrückung pervertiert. Ein Professor, der seine "Untergebenen" als projektkonforme Verfügungsmasse behandelt und die akademische Lehre als lästige Pflicht ansieht, ist eine Schande seiner Zunft. In einer durch solches "Wirken" geprägten menschenverachtenden Atmosphäre avanciert Mobbing zum ausbaufähigen Instituts-Sport.
Der rechtlose Mittelbau
Zum universitären Mittelbau gehören wissenschaftliche Angestellte
(BAT III bis BAT Ib) und Beamte (Akademischer Rat / Oberrat / Direktor =
A 13 bis A 15), im Verwaltungssektor der Regierungsrat, Oberriegerungsrat
und Regierungsdirektor. Eine wenig gefährdete Sonderrolle nehmen die
Leitungskräfte ein (Abteilungsleiter = BAT 1a, Leiter einer Einrichtung
= BAT I; Leitender Akadem. Direktor u. Leitender Reg.-Direktor = A 16). Im
Prinzip sind alle mobbar. Der Dezernent (A 15/16) kann innerhalb einer Stunde
sein Dezernat verlieren und der Leiter eines Wissenschaftlichen Zentrums
(BAT I) zum Abteilungsleiter degradiert werden. Noch schlimmer trifft es
das Heer der vielen, nach BAT III bis Ib dotierten Wissenschaftlichen
Mitarbeiter, die in der Regel einem Professor zugeordnet sind und für
diesen im Rahmen eines Projektes wissenschaftliche Dienstleistungen erbringen.
Wenige der in wissenschaftlichen Einrichtungen Tätigen haben
das Glück, eine Dauerstelle zu bekommen. Wer in solchem
Zeitrahmen sich in vielen Jahren so etwas wie einen persönlichen
Schwerpunkt und eine entsprechende Perspektive erarbeitet, kann
eine böse Überraschung erleben: so zum Beispiel nach vielen Jahren
und ohne jede Vorwarnung nicht nur so gut wie alle Tätigkeiten, sondern
auch sein Arbeitszimmer verlieren und dann mit überwiegend
technischen Arbeiten "betraut" werden. Nach kompetenter (?) Auskunft
könne sich der wissenschaftliche Mitarbeiter auf keinerlei
Gewohnheitsrecht stützen, habe er also keinerlei Anspruch auf
Erhaltung seines Tätigkeits-Besitzstandes und seines
Arbeitszimmers, ja nicht einmal darauf, daß künftige Aufgaben
mit ihm rechtzeitig besprochen würden - alles liege im Ermessen des
ihm gegenüber weisungsbefugten Professors, Abteilungs- oder
Institutsleiters. So lange Wohlwollen und Einverständnis vorliegen,
ist alles gut, doch können Erwartungen, Arbeitszufriedenheit
und Idealismus von einem Tage auf den anderen ebenso jäh
wie schockierend ihr Ende finden. Weniger tragisch, doch auch sehr verletzend
können sich viele andere Spielarten des Mobbings auswirken, zum Beispiel
wenn man einen älteren, sehr erfahrenen und angesehenen Wissenschaftler
mit niederen Archivarbeiten beschäftigt, die auch von
nichtexaminierten Hilfskräften erledigt werden könnten, oder wenn
man ihn systematisch von allen wichtigen Planungs-, Beratungs- und
Entscheidungsprozessen ausschließt. Der gemobbte "Mittelbauer" muß
sich entscheiden, ob er seelische und körperliche Kräfte besitzt,
solches zu ertragen, oder ob er die Hilfe des Personalrates (wenig
aussichtsreich, s. unten) oder eines Fachanwaltes für Arbeitsrecht
(Schriftsätze gegen den Arbeitgeber) in Anspruch nimmt oder gar einen
Prozeß führt. In nur wenigen Fällen wird er sein Recht
bekommen. Steht sein Arbeitgeber in hohem wissenschaftlichem Ansehen, so
wird höchstwahrscheinlich über jede Art des Mobbings hinweggesehen,
um diesen Hochschullehrer bzw. Institutsleiter in seinen wichtigen Projekten
nicht zu beeinträchtigen. In diesem Fall wird der betreffende Mitarbeiter
im wahrsten Sinn des Wortes zum (Mittel-)Bauern-Opfer. Er muß
sich dann entscheiden, ob er aufgibt oder aus seiner neuen Aufgabenstellung
das beste macht. So seltsam es klingt: im letzteren kann eine
Chance liegen.
Kontraproduktiver Fraktions-Zwang
Solidarität: da denken wir vor allem an die, die sich für
andere einsetzen (oder es sollten): die zahlreichen Gremien bzw.
Interessenvertretungen in der Arbeitswelt: den Betriebsrat in Firmen,
den Personalrat in Behörden, dann die zahlreichen -räte und
-ausschüsse in öffentlichen Einrichtungen von Forschung und Lehre,
also auch der Universität. Hier käme bzw. kommt es vor allem darauf
an, Geschlossenheit zu wahren, fair zu diskutieren, an einem Strang zu ziehen,
um sich gegen die "andere Seite" behaupten (und ihr notfalls Paroli bieten)
zu können. Doch auch hier - man glaubt es kaum - wird bisweilen gemobbt,
wenn auch oft nicht so krass und auffällig wie dort, wo es um "Herren
und Knechte" geht. Gremien konstituieren sich nach Listen, diese wiederum
sind Heimstatt bestimmter sozio-politischer Auffassungen und entsprechen
insofern den politischen Parteien. Wie im Bundes-, Land- und Kreistag
und entsprechenden anderen Parlamenten herrscht in Gremien leider im Regelfall
auch Fraktions- oder besser Listen-Zwang: d.h. die Liste benimmt sich
bei Abstimmungen quasi als Einheitsfront und es wird nicht gern gesehen,
wenn ein Mitglied der einen Liste sich die - objektiv berechtigte - Meinung
der "gegnerischen" zu eigen macht und entsprechend abstimmt, also - um es
auf den Punkt zu bringen - seinem Gewissen folgt. Es kann auch sein,
daß das entsprechende Gremien-Mitglied ganz offen zum Ausdruck bringt,
daß es besser wäre, in kritischen und entscheidenden Fragen
listenübergreifend zu handeln und damit einzig zum Wohle der
vom Gremium Vertretenen, anstatt stur der eigenen politischen Leitlinie zu
folgen. Ein solches querdenkerisches und allein dem Individualgewissen
verpflichtetes Handeln wird nicht toleriert. Das betreffende Mitglied wird
isoliert, man wirft ihm vor, es mit der anderen Seite zu halten, und wenn
es um die nächsten Wahlen geht, wird durch die Blume zu verstehen gegeben,
es sei doch an der Zeit, anderen bzw. Jüngeren eine Chance zu geben;
de facto ist dies die Note Fünf oder Sechs nach dem Motto "hat sich
stets bemüht, ..." - wir kennen dies schon. Hat sich stets bemüht,
aber das war nicht in unserem Sinne, also raus. Und dann kommen die anderen,
die keinen Grund zur Befürchtung geben - oder noch nicht, bis vielleicht
auch sie entdecken, daß Konformität um ihrer selbst willen nicht
nur Kreativität, sondern auch Demokratie im Keime erstickt.
Der Test
Betrachten wir als spezielles die Universität, so ist diese
im herkömmlichen Sinne (universitas litterarum = Gesamtheit der
Wissenschaften) ebenso vielseitig wie komplex strukturiert;
hier läßt sich nur dann vernünftig und effektiv
arbeiten, wenn es gelingt, in einer auf gegenseitige Achtung,
Toleranz und Taktgefühl, also Mitmenschlichkeit
angelegten Atmosphäre die verschiedensten Mitarbeiter/innen so
anzuleiten und zu motivieren, daß sie gern arbeiten,
sich mit ihrer Arbeitsstelle identifizieren (=corporate identity)
und - so man sie läßt (siehe oben) - ihre ganze Arbeitskraft in
den Dienst der Wissenschaft und ihres Fortschritts stellen.
Alle in diesem Bereich Tätigen können dazu beitragen. Der
folgende (einer früheren
HÖR-ZU-Ausgabe entnommene)
Test soll zur konstruktiven Besinnung anregen
und Ihnen Gelegenheit geben, Ihre Situation kritisch zu prüfen und ggf.
zu Ihrem besten zu korrigieren.
| 1. Wird über Sie öfter gelacht wird als über andere Kollegen? | 0 JA 0 NEIN |
| 2. Sprechen Sie mit Vorgesetzten über Kollegen? | 0 JA 0 NEIN |
| 3. Gehen Sie häufiger mit Kopf- oder Bauchschmerzen zur Arbeit? | 0 JA 0 NEIN |
| 4. Verhalten sich Vorgesetzte und Kollegen Ihnen gegenüber gleichgültig oder abweisend? | 0 JA 0 NEIN |
| 5. Erfahren Sie als letzter von Neuigkeiten im Betrieb? | 0 JA 0 NEIN |
| 6. Haben Sie sich schon einmal bei Vorgesetzten über Kollegen beschwert? | 0 JA 0 NEIN |
| 7. Haben Sie nur vor oder während der Arbeit Beschwerden und verschwinden diese am Wochenende oder im Urlaub? | 0 JA 0 NEIN |
| 8. Werden Ihnen öfter unbequeme oder entwürdigende Aufgaben übertragen? | 0 JA 0 NEIN |
| 9. Gehen Sie Gesprächen mit Kollegen lieber aus dem Weg? | 0 JA 0 NEIN |
| 10. Werden Sie in Gegenwart anderer Kollegen gerügt? | 0 JA 0 NEIN |
| 11. Macht man sich über Sie lustig, weil Sie häufiger krank sind oder langsam arbeiten? | 0 JA 0 NEIN |
| 12. Werden Sie bei Gehaltserhöhungen, Beförderungen oder der Vergabe interessanter Arbeiten übergangen? | 0 JA 0 NEIN |
| 13. Verschwinden von Ihrem Tisch Arbeitsmaterialien (z.B. Akten)? | 0 JA 0 NEIN |
| 14. Verstummen Kollegen-Gespräche, wenn Sie in die Nähe kommen? | 0 JA 0 NEIN |
3-5 JA-Antworten: Sie sind in einem Konflikt, der Ihnen über den Kopf wachsen könnte.
6-8 JA-Antworten: jetzt kann von Mobbing gesprochen werden (hinsichtlich der "Täter" und "Opfer" ist dieses nicht geschlechtsgebunden!). Können Sie den Konflikt nicht mit Kollegen bzw. Vorgesetzten klären, bleibt nur noch der Weg zum Personalrat und ggf. zur Personalabteilung. Notfalls ist eine Umsetzung anzustreben.
9+ JA-Antworten: Mobbing in einer kritischen Phase. Das Arbeitsverhältnis / der Arbeitsfriede ist zerrüttet. Angezeigt ist nun eine Rechtsberatung bzw. ein Job-Wechsel. Dieser wird unmöglich, wenn Sie ein bestimmtes Alter überschritten haben. Dann sollten Sie überlegen, ob es möglich ist,
Dem HÖR-ZU-Test und dessen (leicht überarbeiteten) Kommentar möchte ich hinzufügen, daß es zunächst ratsam ist, Ruhe zu bewahren. Versuchen Sie sich zu beherrschen. Denken Sie daran, daß jede von Ihnen formulierte Grobheit oder Beleidigung, jede Art von übler Nachrede im Sinne des Gesetzes sich in einer Aktennotiz niederschlagen kann und Ihrem Mobber genau die Handhabe gibt, die er bezweckt hat. Verfallen Sie andererseits nicht in Resignation, lassen Sie sich nicht isolieren und nutzen Sie alle Möglichkeiten, die sich Ihnen anbieten.
Gehen Sie davon aus, daß in unserer immer schwieriger und hektischer werdenden Zeit alle Beteiligten ihre Bemühungen darauf richten müssen, Konflikte beizulegen im Sinne eines Arbeitsfriedens, der im universitären Bereich ein Wirken für das Gemeinwohl auch in Zukunft befördert und garantiert. Wenn alle aufeinander zugehen, so gewinnen alle und verliert niemand sein Gesicht (Rechnen Sie allerdings nicht damit, daß sich diese Einsicht auch bei der Gegenseite durchsetzt).
Führung ist auch Fürsorge. Beide können nur begrenzt erlernt werden und gedeihen einzig auf der Basis von Herzensbildung. Fehlt diese, so werden alle Titel und Privilegien zu häßlichen Masken erschreckender Unfähigkeit.
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(c) W. Näser 2/97 ff. * Stand: 17.10.2k5 (zuvor: 4.9.2003)