| Datierung von Sedimenten mit der 210Pb-Methode |
Innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte hat sich die Messung von natürlichem und aus der Atmosphäre eingetragenem 210Pb als Standardmethode zur Altersbestimmung von Sedimenten weitgehend durchgesetzt. Während paläolimnologische Studien zuvor immer auf bestimmte Sediment-Marker, wie die Dokumentation von optisch sichtbaren Veränderungen der Sedimentschichten („varves“) oder die Anzahl von Diatomeen (Kieselalgen) angewiesen waren, ist die Datierung mittels der 210Pb-Methode heute mit sehr großer Präzision möglich. Im Unterschied zur Datierung mittels 14C, das eine relativ lange Halbwertszeit von 5730 Jahren hat und somit keine zeitliche Feinauflösung zuläßt, kann die 210Pb-Analyse ein Zeitfenster von 100-150 Jahren abdecken und damit andere geophysikalische Methoden ergänzen. In der Paläolimnologie wird 210Pb heute routinemäßig zur Altersbestimmung von oberen Eisschichten (H. GÄGGELER), Sedimenten (C. SCHELSKE) und Torfablagerungen (F. EL-DAOUSHY) benutzt. Die Methode stellt zudem ein wichtiges Werkzeug zur Bestimmung von Sedimentationsraten dar und kann damit zur Beurteilung von Umweltveränderungen durch Gewässer-Eutrophierung, verstärkte Erosion und andere menschliche Einflüsse auf Seen und Fließgewässer dienen. Mit dem Zeitfenster von ca. 150 Jahren lassen sich somit ideal die durch menschliche Aktivitäten bewirkten Umweltveränderungen vom prä-industriellen Zeitalter bis zur Neuzeit zu verfolgen. Zusätzlich können Sediment-Profile auch als „Archive“ benutzt werden; in Kombination mit der durch die Datierung erhaltenen zeitlichen Auflösung sind damit z.B. Aussagen über den Verlauf des Eintrags von Umweltgiften wie chlorhaltigen Pestiziden (R. BARRA), polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAKs) (V. M. SAVINOV), Quecksilber (G. ASMUND) und Blei (C. HUH) in Gewässer möglich.
Die Datierung mittels 210Pb basiert auf dem Eintrag von atmosphärischem, sogenanntem "überschüssigem" 210Pb (unsupported), dessen Zufuhr zeitlich nahezu konstant ist. Dieses kann, wie bereits eingehend besprochen, gammaspektrometrisch über seine 46,5 keV-Gammalinie (Pγ = 0,0424) bestimmt werden. Zusätzlich kommt es über den natürlichen 226Ra-Gehalt aller Sedimente zu einem Hereinwachsen von sogenanntem "unterstützten" (supported) 210Pb, welches über die Gammalinien der 226Ra-Töchter 214Pb und 214Bi (214Pb Eγ = 351,9 keV; Pγ = 0,351) bestimmt werden kann. Die unterstützte Aktivität gibt Aufschluß über den innerhalb der Sedimente gebildeten Anteil an 210Pb, um den die Messwerte korrigiert werden müssen. Die gammaspektrometrische Messung von 210Pb in Sedimenten mit Low-Backgound-Messsystemen wird heute von vielen Forschern benutzt, um die spezifische 210Pb-Aktivität in Sedimenten zu bestimmen. Diese hat gegenüber der alphaspektrometrischen Bestimmung des 210Pb über das Tochternuklid 210Po folgende Vorteile:
geringer Zeitaufwand für die Probenvorbereitung
zerstörungsfrei, kein Aufschluß nötig
210Pb kann ohne Lagerzeit (Gleichgewichtseinstellung) gemessen werden
zusätzliche Bestimmung von 226Ra ist möglich
unabhängige Parameter (137Cs, 241Am) werden mitbestimmt
Zur Bestimmung von Alters-Profilen durch 210Pb-Messungen haben sich in der Literatur zwei Methoden durchgesetzt. Das einfachere Modell, "C.I.C.-Modell" (constant initial concentration) genannt, beschreibt das Verhalten von homogenen Sedimenten mit konstanter Akkumulationsrate, während die komplexere Methode, das "C.R.S.-Modell" (constant rate of supply) auch bei Sediment-Profilen mit veränderlichen Sedimentationsraten angewendet werden kann.
Die nachfolgend besprochenen Sediment-Bohrkerne wurden von der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. H. Brückner (FB Geographie der Philipps-Universität Marburg) im Rahmen eines Forschungsprojektes in der Türkei entnommen und für die von S. Ritzel durchgeführten Untersuchungen zur Verfügung gestellt. Es handelt sich dabei um Bohrkerne aus den zwei Seen (Azap- und Bafa-See) im Einzugsgebiet des großen Mäanders (Büyük Menderes), der bei Lade in den latmischen Golf mündet. Die Proben wurden mit Hilfe einer Bohrplattform als „Rammkerne“ an den jeweils tiefsten Stellen des Gewässers entnommen; die Abbildung 1 zeigt die genauen Probennahmestellen (Pfeile) in einer Übersichtskarte der türkischen Ägäisküste.

Abbildung 1: Übersichtskarte der Türkischen Ägäisküste mit eingezeichneten Probennahmestellen
Das Ziel des Forschungsprojektes der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. H. Brückner ist es, die Morphogenese der türkischen Ägäisküste im Bereich des Büyük Menderes-Deltas zu klären. Die heutige Topographie weicht stark von derjenigen zur Zeit der ersten Besiedlung in der Antike ab. Damals reichten die Meeresbuchten bis weit ins Landesinnere. Wegen dieser idealen Hafenbedingungen kam es zu Ortsgründungen (Milet, Priene, Ephesos, Herakleia). Die geoökologische Labilität des mediterranen Naturraumes hinsichtlich der Faktoren Klima, Gestein und Boden einerseits, aber auch der gravierende und langandauernde menschliche Einfluß anderseits, haben in der Folgezeit jedoch zu einem dramatischen Landschaftswechsel geführt. Die verstärkte Bodenerosion im Hinterland und der daraus resultierende Deltavorbau des Flusses ließen die Bucht im Lauf der Jahrtausende allmählich verlanden. Mit dem fortschreitenden Deltavorbau verloren die Städte ihren Zugang zum offenen Meer. Probleme durch die Verlandung der Häfen, ansteigende Grundwasserspiegel, Versumpfung der Tiefebenen und Ausbreitung der Malaria traten massiv seit dem 3./ 4. Jhd. n. Chr. auf; diese führten schließlich zum Niedergang der einst blühenden Siedlungen. Ihre Geschichte stand somit in engem Zusammenhang mit der naturräumlichen Veränderung der Landschaft.
Die beiden durch „Rammkern-Bohrung“ aus den Seen entnommenen Kerne wurden in ihren Hüllen und unter Luftabschluß nach Deutschland transportiert. Um die Bohrkerne zu zerschneiden, wurden diese zuvor einen Tag in einer Gefriertruhe bei -40°C gelagert, anschließend wurden mit einer Steinsäge Horizonte von ca. 2,0 cm Stärke von den beiden Kernen abgeschnitten. Auf diese Art wurden 14 Horizonte der Bohrsequenz des Azap-Sees bzw. 21 Horizonte des Bafa-Sees separiert (Abbildung 2).

Abbildung 2: Photographien ausgewählter Horizonte des Bafa-Sees (li) und Azap-Sees (re)
Die Scheiben wurden darauffolgend bei 110°C konstantgetrocknet. Aus den erhaltenen Horizonten wurden jeweils die Trockenmassen, der organische Anteil (Glühverlust) und die Schüttdichten des auf 200 µm zerkleinerten Materials bestimmt. Um die Zählverluste bei der 210Pb-Bestimmung durch Selbstabsorption in der Probe zu berücksichtigen und zu korrigieren, wurden an jeder Probe Transmissionsmessungen bei Eγ = 46,5 keV durchgeführt. Die Messungen wurden an den zerkleinerten und homogenisierten Proben bei Messzeiten von jeweils 48 Stunden mit einem HPGe-Bohrlochdetektor durchgeführt.
Um eine Datierung der einzelnen Horizonte beider Bohrkerne durchzuführen, wurden deren spezifische Aktivitäten an 210Pb, 226Ra, 137Cs und 40K ermittelt. Aus dem ermittelten spezifischen Aktivitäten an 40K kann zusätzlich der Kaliumgehalt des untersuchten Materials berechnet werden. nachfolgend ist die schematische Vorgehensweise einer Datierung am Beispiel der Ergebnisse für den Azap-See dargestellt.
Zur Datierung der Sedimente des Azap-Sees werden zunächst die spezifischen Aktivitäten an 210Pb und 226Ra betrachtet, die Abbildung 3 zeigt diese in Abhängigkeit der Horizonttiefe. Die spezifischen Aktivitäten sind hier auf die Trockenmasse (ungeglüht) bezogen.
Abbildung 3: Spezifische Aktivitäten der Azap-See-Sedimente an 210Pb (supported) und 226Ra in Abhängigkeit der Horizonttiefe
Es zeigt sich eine nahezu monoton mit der Horizonttiefe abfallende spezifische
210Pb-Aktivität, die jedoch keinen konstanten Endwert erreicht
(Supportbereich). Das Profil der spezifischen 226Ra-Aktivität ist
anfangs relativ konstant und fällt erst ab einer Horizonttiefe von 14 cm von
durchschnittlich 75 Bq.kg-1 auf 65 Bq.kg-1
ab.
Die in Abbildung 4 in Abhängigkeit der Horizonttiefe dargestellte spezifische
137Cs-Aktivität zeigt ein entsprechend dem anthropogenen Eintrag
erwartetes Verhalten.

Abbildung 4: Spezifische Aktivitäten der Azap-See-Sedimente an 210Pb (supported) und 137Cs in Abhängigkeit der Horizonttiefe
Wie aus zahlreichen Veröffentlichungen ähnlicher Fälle bekannt, steigt hier der
137Cs-Gehalt mit zunehmender Horizonttiefe kontinuierlich an, um nach
Erreichen eines Maximums (maximaler Ausstoß von 137Cs durch
oberirdische Kernwaffentests im Jahr 1963) wieder schnell abzufallen. Die
Sedimentationsrate muss also im vorliegenden Fall ausreichend hoch sein, um
diese Variationen des 137Cs-Eintrags auflösen zu können.
Zusammenfassend kann ausgeführt werden, dass sich bei diesem Bohrkern keine
Datierung nach dem C.I.C.-Modell durchführen lässt, da trotz der monoton
abfallenden 210Pb-Konzentration kein streng exponentieller Abfall
besteht, die Sedimentationsraten also nicht konstant bleiben. Um dies zu
demonstrieren, wurde die überschüssige 210Pb-Aktivität (unsupported)
in Abbildung 5 in Abhängigkeit der Horizonttiefe aufgetragen und nach über die
Halbwertszeit von 210Pb ein Sedimentalter berechnet. Zur Berechnung
der überschüssigen 210Pb-Aktivität wurde dazu im Fall C.I.C. 1 ein konstanter
Wert (Annahme: Unterstützung = 60 Bq.kg-1 = kleinster Wert) und im Fall C.I.C. 2
die spezifische 226Ra-Aktivität des jeweiligen Horizonts subtrahiert.

Abbildung 5: Spezifische Aktivitäten der Azap-See-Sedimente an 210Pb (unsupported) in Abhängigkeit der Horizonttiefe und berechnetes Sedimentalter nach dem C.I.C.-Modell
Um die Veränderung der Sedimentationsrate bei der Datierung zu berücksichtigen, kann nur das C.R.S.-Modell Anwendung finden, da dieses nicht von einer konstanten Anfangskonzentration an überschüssigem 210Pb ausgeht, auf die alle nachfolgenden spezifischen Aktivitäten bezogen werden. Im folgenden wurde das Sedimentalter nach dem C.R.S.-Modell berechnet, indem die überschüssige 210Pb-Aktivität gegen die kumulative Trockenmasse aufgetragen wurde, die Aktivitäten C(0), C(x) wurden nachfolgend durch Bildung der numerischen Integrale berechnet. Aufgrund der veränderten Unterstützung durch die im Verlauf des Profils geringer werdende spezifische 226Ra-Aktivität wurde das überschüssige 210Pb dabei auf zwei verschiedene Arten berechnet:
Annahme eines konstanten Endwertes der spezifischen 210Pb-Aktivität („supportzone“: Unterstützung mit konstanten 60 Bq.kg-1)
Annahme einer Unterstützung durch die jeweilige spezifische 226Ra-Aktivität der Horizonte „step-by-step support“: Aspez.(210Pbunsupp.) = Aspez.(210Pb) – Aspez.(226Ra)
In Abbildung 6 sind die Ergebnisse der verschiedenen Ansätze zur Datierung der Azap-See-Sedimente gegenübergestellt.

Abbildung 6: Ergebnisse der 210Pb-Datierung des Azap-See-Bohrkerns nach dem C.I.C.- und C.R.S.-Modell
Wie der Abbildung zu entnehmen ist, läßt sich mit Hilfe der C.R.S.-Methode unter
Berücksichtigung der spezifischen 226Ra-Aktivität (C.R.S. 2) eine
gute Zuordnung von Sedimentaltern zu den jeweiligen Horizonten treffen. Der
Horizont mit der größten spezifischen 137Cs-Aktivität wird dabei wie
erwartet ungefähr auf das Jahr 1963 datiert.
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