Kernchemisches

Grundpraktikum

WS 2002/2003

b-Spektrometrie

 

Script: S. Happel

Stand: 08. September 2002

 

Inhaltsverzeichnis

1 Beta-Spektrometrie *

1.1 Grundlagen der Beta-Spektrometrie *

1.1.1 Einleitung *

1.1.2 Messsysteme *

1.1.2.1 Flüssigkeitsszintillationsdetektor *

1.1.2.2 Cerenkov-Zähler *

1.1.3 Kalibrierung *

1.1.3.1 Bestimmung der Nachweiswahrscheinlichkeit *

1.2 Aufgaben *

1.2.1 Bestimmung von Kalibrierfaktoren *

1.2.2 Löscheffekte *

1.2.3 Lumineszenz *

1.2.4 Parallele Bestimmung von 3H und 14C *

1.3 Kernphysikalische Daten *

1.4 Bearbeitung der Betaspektren *

 

 

  1. Beta-Spektrometrie
    1. Grundlagen der Beta-Spektrometrie
      1. Einleitung
      2. Als wichtigste Methode zur Bestimmung der Aktivität von Radionukliden in Umweltproben ist die hochauflösende Gamma-Spektrometrie mittels Halbleiterdetektoren etabliert. Da jedoch einige der in der Umwelt vorliegenden Radionuklide nicht mit Hilfe der Gamma-Strahlung gemessen werden können, so z. B. die rein beta-strahlenden Radionuklide 3H, 14C, 32P, 35S, 89Sr, 90Sr oder 99Tc, ist für die Ermittlung der Aktivität dieser Radionuklide die Messung der Beta-Strahlung erforderlich.

        Beta-strahlende Radionuklide sind dadurch gekennzeichnet, dass das Energiespektrum der Beta-Strahlung kontinuierlich über einen weiten Energiebereich bis zu einer für den Beta-Strahler charakteristischen Maximalenergie verläuft.

        Abbildung 1 Energiespektrum für Elektronen und Positronen

        Die mittlere Energie liegt für viele Beta-Strahler bei etwa einem Drittel der Maximalenergie. Die kontinuierliche Energieverteilung der Beta-Spektren beruht darauf, dass gleichzeitig mit dem Elektron bzw. Positron ein Antineutrino bzw. Neutrino ausgesandt wird, das einen Teil der Zerfallsenergie erhält. Die Summe der Energien des Elektrons bzw. Positrons und des Antineutrinos bzw. Neutrinos ist gleich der Maximalenergie:

        (1)

        Neben den beim Beta-Zerfall erzeugten Elektronen oder Positronen mit kontinuierlicher Energieverteilung entstehen auch Konversionselektronen mit diskreter Energie.

        Anders als bei alpha- oder gamma-strahlenden Radionukliden, deren Strahlung diskrete Energien aufweist und in der Regel aufgrund ihrer charakteristischen Linien im Spektrum identifiziert und quantifiziert werden können, ist es schwierig, bei einem Gemisch von beta-strahlenden Radionukliden die Beiträge der Radionuklide zum Summenspektrum, das eine Überlagerung der einzelnen kontinuierlichen Spektren darstellt, zu ermitteln.

        Diese Situation wird auch durch den Einsatz von hochauflösenden Spektrometern nicht verbessert. Möglich ist eine Bestimmung beta-strahlender Radionuklide aus einem Summenspektrum nur dann, wenn wenige und bekannte Radionuklide im Messpräparat vorliegen und die Maximalenergien der beta-strahlenden Radionuklide sehr unterschiedlich sind. Auch die Aktivitäten der einzelnen Radionuklide dürfen nicht sehr verschieden voneinander sein und müssen zumindest so hoch sein, dass eine ausreichende Anzahl von Impulsen pro Kanal vorhanden ist. In diesen Fällen ist es möglich, durch Wahl geeigneter Energiebereiche (sog. Fenster oder windows) im Spektrum sowie durch Abziehen von Spektren der Einzelradionuklide im Summenspektrum die Aktivitäten der einzelnen Radionuklide zu bestimmen.

        Diese Methode versagt jedoch bei Radionukliden mit ähnlichen Spektren, wie z. B. 14C und 35S. Zusätzliche Schwierigkeiten ergeben sich auch bei Umweltproben mit geringen Aktivitäten, bei denen nur geringe Impulsanzahlen in den einzelnen Energiebereichen auftreten. Darüber hinaus kann die Bestimmung von Beta-Strahlern durch alpha- und gamma-strahlende Radionuklide mit höherer Aktivität, welchee in der Probe als Begleitradionuklide enthalten sein können, gestört werden. Aus diesen Gründen ist es bei Proben aus der Umwelt in den meisten Fällen erforderlich, die einzelnen Elemente und damit Radionuklide radiochemisch aus der Probenmatrix und voneinander abzutrennen und die so erhaltenen Messpräparate nach Radionukliden getrennt zu messen. Kann durch eine solche radiochemische Trennung ein einzelnes Radionuklid separiert werden, ist zur nuklidspezifischen Bestimmung der Aktivität keine spektrometrische, sondern nur eine zählende Messung erforderlich.

        Die Maximalenergien der beta-strahlenden Radionuklide überstreichen einen weiten Bereich, beginnend bei einigen keV, wie z. B. bei 3H, bis zu einigen MeV, wie z. B. bei 90Y oder 106Rh. Der optimale Nachweis von beta-strahlenden Radionukliden mit deutlich unterschiedlichen Strahlungsenergien kann daher den Einsatz verschiedener Detektoren erfordern.

      3. Messsysteme
      4. Zur Bestimmung der Aktivität von beta-strahlenden Radionukliden sind zählende und spektrometrische Messmethoden gebräuchlich. Bei der zählenden Messmethode wird die Anzahl der Beta-Teilchen, die in den Detektor gelangen, bzw. die Zählrate, mit relativ einfachen Detektoren und Messanordnungen bestimmt. Dazu muss sichergestellt sein, dass nur das zu messende Radionuklid im Messpräparat vorhanden ist, so dass gegebenenfalls zuvor eine radiochemische Separation mit hohem elementspezifischen Trenngrad erfolgt sein muss. Als Detektoren werden dabei hauptsächlich Zählrohre (Proportionalzählrohre oder Geiger-Müller-Zählrohre) oder Plastikszintillatoren verwendet. Beta-Strahlungsspektrometer, die es gestatten, die Zählrate als Funktion der Teilchenenergie zu registrieren, erlauben auch die Bestimmung der Aktivität eines speziellen Radionuklids bei Anwesenheit von störenden Radionukliden oder unter günstigen Umständen von wenigen beta-strahlenden Radionukliden. In diesem Fall werden als Detektoren hauptsächlich Proportionalzählrohre, Flüssigkeitsszintillatoren, Festkörperszintillatoren und Halbleiterdetektoren eingesetzt.

        1. Flüssigkeitsszintillationsdetektor

Der Flüssigkeitsszintillationsdetektor (Liquid Scintillation Counter, LSC; Abb. 2 und Abb. 3) ist ein für Beta-Messungen sehr häufig eingesetztes Gerät, da aufgrund des engen Kontaktes des zu messenden Radionuklids mit dem Detektor auch bei Radionukliden mit niederenergetischer Beta-Strahlung, wie etwa Tritium oder Pu-241, hohe Nachweiswahrscheinlichkeiten erzielt werden.

Mit einer Bleiabschirmung (Passive Abschirmung) und mit Hilfe eines Schirmdetektors (guard detector), z. B. eines Szintillationsdetektors oder eines Großflächenzählrohres, der in Antikoinzidenz mit den Photoelektronenverviel-fachern geschaltet ist, lässt sich die Nulleffektzählrate verringern (Abb. 3)

Abbildung 2 LKB Wallac 1220 Quantulus Abbildung 3 schematischer Aufbau

Die Möglichkeit zur Erstellung individueller Messprogramme erlaubt eine nahezu automatische Untersuchung großer Probenserien, auch sehr unterschiedlicher Proben, mit dem Gerät.

Die zu messenden Radionuklide sind in der Regel in der Szintillatorlösung gelöst oder suspendiert.

Als Szintillatormaterial werden organische Verbindungen mit Phenyl-, Naphthyl-, Biphenyl-Gruppen, Oxazol und Oxadiazol verwendet. Am häufigsten benutzte Szintillatormaterialien sind 2,5-Diphenyloxazol (PPO), Butylphenylbiphenyloxadiazol (Butyl-PBD), oder auch p-Terphenyl (TP) mit Anteilen von einigen Promille in der Lösung.

2,5-Diphenyloxazol (PPO)

 

p-Terphenyl (TP)

Butylphenylbiphenyloxadiazol (Butyl-PBD)

 

Abbildung 4 Primäre Szintillatormaterialien

Zur Anpassung der Wellenlänge des hauptsächlich im Ultravioletten ausgesandten Lichtes des primären Szintillators an die Charakteristik der Photokathode sowie zur Vermeidung der Absorption emittierter Photonen in der Szintillatorlösung wird oft noch ein sekundäres Szintillatormaterial mit Anteilen von einigen Zehntel Promille eingesetzt, welches blaues Licht emittiert. Solche sekundären Szintillatormaterialien sind z. B. Diphenyloxazolylbenzol (POPOP), 1,4-Bis(2-methylstyryl)benzol (Bis-MSB), 2-(1-Naphthyl)-5-phenyloxazol (NPO), Dibiphenyloxazol (BBO), Diphenylhexatrien (DPH) oder Tetraphenylbutadien (TPB).

POPOP

Bis-MSB

NPO

BBO

DPH

TPB

Abbildung 5 Sekundäre Szintillatormaterialien

Gebräuchliche Lösungsmittel sind Alkylbenzole, wie z. B. Toluol, Xylol, Triethylbenzol oder Dodecylbenzol, Phenylcyclohexan und immer häufiger die weniger toxischen Lösungsmittel Pseudocumol, Diisopropylnaphthalin (DIPN), Ethylnaphthalin, Isopropylphenyl und Phenylxyloethan (PXE). Zusätze von sekundären Lösungsmitteln, wie z. B. Naphthalin, können die Strahlungsausbeute erhöhen. Zugabe von einigen Prozent Naphthalin erhöht darüber hinaus generell die Abfallzeit der Impulse und erlaubt somit eine bessere Unterscheidung der durch die Beta-Strahlung erzeugten Impulse von Impulsen anderen Ursprungs, insbesondere von Alpha-Strahlung (siehe Puls-Form-Analyse).

Da die Reichweite von Beta-Strahlung der üblichen Radionuklide in Lösungen nur etwa einen Zentimeter beträgt, reichen zur Spektrometrie auch höherenergetischer Beta-Strahlung bereits kleine Zählfläschchen (vials) mit Abmessungen von wenigen Zentimetern aus.

Die Beta-Strahlung regt die Lösungsmittelmoleküle energetisch an, die wiederum einen Teil der Anregungsenergie auf andere Lösungsmittelmoleküle und schließlich auf ein Szintillatormolekül übertragen. Diese Szintillatormoleküle relaxieren unter Aussendung von Photonen.

Abbildung 6 Prinzip der Flüssigkeitsszintillationsspektrometrie

 

Näherungsweise kann man davon ausgehen, dass die Anzahl der aus einem Zerfall resultierenden Photonen von der Energie des emittierten Teilchens abhängig ist, und somit energieaufgelöste Messungen möglich sind. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass neben der Energie des emittierten Teilchens auch dessen LET-Wert großen Einfluss auf die Anzahl der emittierten Photonen besitzt. Dieser Einfluss beruht im Wesentlichen auf Unterschieden bei der Energieabgabe der emittierten Teilchen an die umgebenden Lösemittelmoleküle. Daraus erklärt sich unter anderem, dass alpha-strahlende Nuklide mit einer Energie von etwa 5 MeV und beta-strahlende Nuklide mit einer mittleren Energie von etwa 0,5 MeV im Flüssigkeitsszintillationsspektrum bei ähnlichen Kanallagen erscheinen.

Die emittierten Photonen werden mittels Reflektoren und über Lichtleiter zu einem Photoelektronenvervielfacher (photomultiplier) geleitet. Die Spannungsimpulse werden dann einem Analog-Digital-Wandler (ADC) und einem Vielkanalanalysator (MCA) zugeführt. Um den Untergrund durch thermische Emission von Elektronen im Photoelektronenvervielfacher weitgehend zu unterdrücken, werden meistens zwei Photoelektronenvervielfacher in Koinzidenzschaltung verwendet. Es werden daher nur Ereignisse gezählt, die in beiden Photoelektronenvervielfachern innerhalb eines kurzen Zeitintervalls von einigen zehn ns einen Impuls erzeugen.

Mittels Impulsformanalyse (PSA), d. h. Unterscheidung der Impulse nach ihrem zeitlichen Verlauf, können die von der Beta-Strahlung herrührenden Impulse von Impulsen infolge Alpha-, Protonen- oder Untergrund-Strahlung separiert und die Nulleffektzählrate reduziert werden. Die Unterschiedlichkeit der Impulse resultiert aus den bereits oben erwähnten unterschiedlichen LET-Werten der jeweiligen Strahlungsart, den damit verbundenen Unterschieden in der Energieabgabe an das umgebende Medium und den daraus folgenden Unterschieden im Abklingverhalten des Fluoreszenzsignals (Abb. 7).

Abbildung 7 Zeitlicher Verlauf der Impulse

Durch die Messung von nachfolgenden Begleitimpulsen kann unterschieden werden, ob die Photonen aus dem Messpräparat oder den umgebenden Materialien, wie z. B. den Zählfläschchen oder Glaswänden der Photoelektronenvervielfacher, stammen, und so die Nulleffektzählrate weiter herabgesetzt werden.

Die Nulleffektzählrate bei Zählfläschchen aus Polyethylen ist niedriger als die von Zählfläschchen aus Glas. Grund dafür ist der Gehalt, auch kaliumarmen Glases, an 40K und der damit verbundenen Cerenkov-Strahlung innerhalb des Glases (Abb. 9).

Abbildung 8 Untergrundspektren von Glas- bzw. PE-Zählgefässen mit Szintillazionscocktail

Abbildung 9 Untergrundspektren von Glas- bzw. PE-Zählgefässen ohne Szintillazionscocktail

Bei ersteren diffundiert jedoch mit der Zeit ein Teil der Szintillatorlösung in und durch die Wand der Zählfläschchen, weshalb nach einigen Tagen die Zählrate abnimmt. Zudem entsteht in der Wand des Zählfläschchens eine zweite Phase, die das Comptonelektronenspektrum eines externen Gamma-Standards verändert. Aus diesem Grund sind für Langzeitmessungen oder bei Messungen, die nach geraumer Zeit wiederholt werden müssen, Zählfläschchen aus Glas vorzuziehen. Am besten geeignet, aber auch am aufwendigsten, sind Zählfläschchen aus Teflon, auch mit einer Teilabschirmung aus Kupfer, oder Quarzglas. Ähnlich gut geeignet sind mit Teflon ausgekleidete Zählfläschchen aus Polyethylen.

Löscheffekte

Infolge der komplizierten Prozesse der Energieübertragung im Flüssigkeitsszintillationsdetektor können diverse Störungen auftreten. Diese Mechanismen sind in der Literatur näher beschrieben. Diese Mechanismen werden als Löschen (quenching) bezeichnet.

Die Hauptmechanismen des Löschens sind:

Diese Effekte führen zu einer Verschiebung des Spektrums zu niedrigerer Energie und zu einer Verminderung der Gesamtzählrate.

Abbildung 10 Sr-90/Y-90-Lösung unterschiedlich stark gequencht (CCl4 als Löschagens)

          1. Löschkorrekturen

Eine chemische Löschung durch gelösten Sauerstoff wird durch Austreiben des Sauerstoffs mit Stickstoff oder Argon vermindert. Zugabe von Naphthalin oder Biphenyl verbessert die Energieübertragung zwischen Lösungsmittelmolekülen.

Bei dem in der Praxis gebräuchlichen, aber aufwendigen Verfahren des inneren Standards, mit dem die durch das Löschen reduzierte Nachweiswahrscheinlichkeit korrigiert werden kann, wird zunächst die Zählrate des Messpräparates bestimmt. Anschließend wird dem Messpräparat eine geringe Menge eines Stoffes mit dem zu bestimmenden Radionuklid in bekannter Aktivität hinzugefügt und erneut die Zählrate ermittelt. Aus der Zählratendifferenz wird die Nachweiswahrscheinlichkeit berechnet.

Andere Methoden beruhen darauf, die Nachweiswahrscheinlichkeit für das betreffende Radionuklid bei geeigneter Wahl des Messbereiches in Abhängigkeit von einem Löschparameter, der ein Maß für das Löschen darstellt, zu bestimmen. Löschparameter, die allein vom Spektrum des Radionuklids abhängen, sind beispielsweise des Spektrumkanalverhältnis (SCR) oder der spektrale Index des Spektrums (SIS), d. h. der Schwerpunkt des Spektrums. Diese Löschparameter lassen sich bei Messpräparaten mit geringer Aktivität nicht anwenden. In diesem Fall wird zu Korrektur des Löschens ein Gamma-Strahler, wie z. B. 133Ba, 137Cs oder 226Ra, als externer Standard verwendet, welcher vor der Messung in die Nähe der Szintillationslösung gebracht wird und dort ein Comptonelektronenspektrum erzeugt. Mittels des externen Gamma-Strahlungsstandards erhaltene Löschparameter sind das Kanalverhältnis des externen Standards (ESCR), der Spektrale Index des externen Standards (SIE), d. h. der Schwerpunkt des Comptonelektronenspektrums, oder die Horrocks-Zahl (H#), d. h. die Verschiebung des Wendepunktes des Comptonelektronenspektrums. Mit Hilfe der Analyse des Spektrums oder des Verlaufes der Comptonkante im Spektrum ist es zudem möglich, zwischen chemischem Löschen und Farblöschen zu unterscheiden und Mehrphasensysteme zu entdecken.

Aufgrund von chemischen Reaktionen in der Szintillatorlösung (Chemolumineszenz), insbesondere nach Zugabe von oxidierenden Stoffen, bei hohem pH-Wert oder vorhergehender Bestrahlung mit UV-Licht (Photolumineszenz) entstehen einzelne Photonen. Diese werden von den Photoelektronenvervielfachern erfasst und können zu einer hohen Zählrate im niederenergetischen Teil des Beta-Spektrums bis zu einer Energie von etwa 6 keV führen. Der größte Teil dieser chemischen Reaktion klingt innerhalb weniger Minuten ab, so dass meist ein einstündiges Aufbewahren des Zählfläschchens im Kühlen und Dunkeln, am besten im Flüssigkeitsszintillationsmessgerät (LSC), vor der Messung ausreichend ist, die störende Zählrate für die Messung hinreichend zu reduzieren. Moderne Flüssigkeitsszintillationsmessgeräte besitzen eine Einrichtung zur Anzeige und Korrektur von Lumineszenzen.

 

        1. Cerenkov-Zähler

Cerenkov-Strahlung entsteht, wenn sich ein geladenes Teilchen durch ein lichtdurchlässiges Medium wie Wasser oder Kunststoff mit einer höheren Geschwindigkeit als der Phasengeschwindigkeit des Lichtes in dem betreffendem Medium bewegt. Bei Wasser beträgt die minimale Energie von Elektronen für diesen Effekt 263 keV. Der Winkel, unter dem die Strahlung relativ zum Bewegungsvektor des geladenen Teilchens austritt, hängt von der Energie des Teilchens ab. Die Wellenlänge der Cerenkov-Strahlung liegt abhängig von Teilchenenergie und Medium im Bereich zwischen 300 und 700 nm.

Die Cerenkov-Strahlung lässt sich zur Messung der Aktivität von beta-strahlenden Radionukliden verwenden, sofern die Maximalenergie der Beta-Strahlung über etwa 300 keV liegt, wie z. B. bei 32P, 89Sr oder 90Y. Die Photonenausbeute hängt dabei von der Maximalenergie der Beta-Strahlung bzw. dem Anteil der mit einer Energie oberhalb der jeweiligen Schwellenenergie emittierten Teilchen ab.

Zur Messung der Cerenkov-Strahlung kann ein normaler Flüssigkeitsszintillationsdetektor verwendet werden. Zählfläschchen aus Polyethylen anstelle von solchen aus Glas verbessern die Lichtausbeute und reduzieren die Nulleffektzählrate. Ein Vorteil der Messung mit dem Cerenkov-Zähler ist auch, dass kein chemisches Löschen auftritt, sondern nur Farblöschen.

Da der Effekt vorzugsweise bei Beta-Strahlung mit hohen Energien auftritt, besteht die Möglichkeit, geringe Aktivitäten eines Radionuklides mit hochenergetischer Beta-Strahlung neben einem Radionuklid mit wesentlich höherer Aktivität, aber niederenergetischer Beta-Strahlung nachzuweisen. Mit Hilfe der Cerenkov-Strahlung lässt sich so 89Sr (Eb ,max 1,5 MeV) neben 90Sr (Eb ,max 0,5 MeV) in einer wässrigen Probe in einem Zählfläschchen ohne weitere Probenvorbereitung nach Abtrennung des störenden 90Y (Eb ,max 2,3 MeV) bestimmen, da die Nachweiswahrscheinlichkeit von 90Sr aufgrund der geringen Energie der Beta-Strahlung nur 0,5% beträgt, die Nachweiswahrscheinlichkeit von 89Sr dagegen aber etwa 50%. Die Aktivität von 90Sr wird dann nach Zugabe von Szintillatorlösung oder über das Einwachsen der Tochter 90Y ermittelt.

 

      1. Kalibrierung
        1. Bestimmung der Nachweiswahrscheinlichkeit

Zur Kalibrierung können aus Lösungen bekannter Aktivität des zu bestimmenden Radionuklids hergestellte Kalibrierpräparate verwendet werden. Bei der Messung der Aktivität von beta-strahlenden Radionukliden im Flüssigkeitsszintillationsmessgerät (LSC) wird die Nachweiswahrscheinlichkeit (efficiency) als Funktion des entsprechenden Löschparameters (z. B. SCR, ESCR, SIS, SIE, H#) ermittelt. Dazu werden mit Lösungen bekannter Aktivität hergestellte Messpräparate mit Substanzen wie Tetrachlorkohlenstoff, Nitromethan, Methylsalicylat oder Chloroform zur chemischen Löschung oder mit Farbstoffen wie Methylrot, Bromkresolgrün oder Dimethylgelb oder mit Eisen-III zur Farblöschung versetzt und die Zählrate in den ausgewählten Bereichen gemessen. Sind diese Methoden nicht anwendbar, kann das oben beschriebene Verfahren des inneren Standards eingesetzt werden.

Die Nachweiswahrscheinlichkeit e die eine Funktion des Löschparameters ist, wird aus der Nettozählrate Rn, der Emissionswahrscheinlichkeit pr und der bekannten Aktivität A im Kalibrierpräparat berechnet:

(2)

Da in der Regel mit den zu bestimmenden Radionukliden kalibriert wird, kann ein nuklidspezifischer aktivitätsbezogener Kalibrierfaktor angegeben werden:

(3)

 

    1. Aufgaben
    2. Die folgenden Experimente werden an einem LKB-Wallac 1220 Quantulus Flüssigkeitsszintillationsmessgerät (LSC) durchgeführt. Das Gerät wird mit einem PC über ein Terminalprogramm gesteuert.

      Vor der Durchführung der Experimente mache man sich mit dem Aufbau und der Bedienung des Gerätes vertraut!

       

      1. Bestimmung von Kalibrierfaktoren
      2. Lösungen von verschiedenen Beta-Strahlern (z. B. 3H, 14C, oder 137Cs), deren Aktivität genau bekannt sein muss, werden in ein vial eingewogen und mit 10 ml Szintillatorlösung vermischt. Für diese Messungen können auch fertige Standard-Messpräparate benutzt werden.

        Auch diese Präparate sollten vor der Messung einige Minuten im Probenwechsler des Quantulus aufbewahrt werden. Zur Messung werden die gleichen Einstellungen wie bei der Energiekalibrierung benutzt.

        Aus der Netto-Zählrate Rn in WINDOW 1 und der bekannten Aktivität A werden nach (3) die Kalibrierfaktoren j A für die benutzen Nuklide berechnet. Was bedeutet ein Kalibrierfaktor von j < 1? Wie kann dieser Fall entstehen?

        Das Experiment wird noch einmal wiederholt, wobei jedoch die Lösungen nicht mit Szintillatorlösung, sondern mit 10 ml Wasser aufgefüllt werden. Werden auch ohne Szintillator Ereignisse gezählt? Besteht ein Zusammenhang zwischen der Energie der Beta-Strahlung und den gefundenen Kalibrierfaktoren?

      3. Löscheffekte

Von einem Beta-Strahler werden vier Präparate mit möglichst gleicher Aktivität hergestellt. Alle Präparate werden vor jeder Messung einige Minuten lang im Probenwechsler aufbewahrt.

Zur Messung werden die gleichen Einstellungen wie bei der Energiekalibrierung benutzt. Zusätzlich soll jedoch vor jeder Messung 1 min lang der Spektrale Index des externen Standards (SIE), welcher beim Quantulus als standard quench parameter oder SQP(I) bezeichnet wird, bestimmt werden.

Von jedem Präparat wird zunächst ein Beta-Spektrum aufgenommen.

Man vergleiche die Spektren der verschiedenen Messreihen!

Besteht ein Zusammenhang zwischen den beobachteten Veränderungen der Spektren und den bestimmten SIE-Werten?

Wie wird beim Quantulus der SIE-Wert ermittelt?

 

      1. Lumineszenz
      2. Aus einem Kunststoffmessfläschchen (vial), das mit 10 ml Szintillatorlösung (Quicksafe A) gefüllt und mit einem Schraubdeckel verschlossen wird, wird ein Nulleffektpräparat hergestellt. Das vial wird zunächst einige Minuten im Probenwechsler des Quantulus aufbewahrt. Von dem Präparat wird 5 min lang ein Beta-Spektrum gemessen.

        Danach wird für die folgende Messung eine Messdauer von 5 min und eine Wiederholungszahl (REPEATS) von 6 Wiederholungen eingestellt.

        Danach wird das Präparat mit 0,1 ml Wasserstoffperoxid-Lösung (25%) versetzt und sofort nach der Zugabe sechsmal hintereinander jeweils 5 min lang ein Beta-Spektrum aufgenommen. Die Spektren sollen in Abhängigkeit von der Zeit graphisch aufgetragen werden.

        Welche Veränderung wird im Beta-Spektrum nach Zugabe von Wasserstoffperoxid beobachtet?

      3. Parallele Bestimmung von 3H und 14C

Von einem 3H- und einem 14C-Standard-Präparat wird jeweils 1 min lang ein Beta-Spektrum aufgenommen. Danach sollen zwei Kanalfenster (windows) festgelegt werden, so dass WINDOW 1 das vollständige 3H-Spektrum, jedoch möglichst wenig des 14C-Spektrums erfasst, und dass WINDOW 2 keinen Anteil des 3H-Spektrums und möglichst viel des 14C-Spektrums erfasst.

Bei den folgenden Messungen wird zusätzlich 1 min lang der Spektrale Index des externen Standards (SIE) bestimmt.

Für jeweils einen Satz von 3H- und 14C-Standardpräparaten, denen unterschiedliche Mengen von Tetrachlorkohlenstoff zugesetzt worden sind, werden die Zählraten in WINDOW 1 und WINDOW 2 gemessen. Die Messzeit sollte dabei für jedes Präparat eine Minute betragen.

Aus den Zählraten werden die Kalibrierfaktoren für 14C in WINDOW 1 und WINDOW 2 und für 3H in WINDOW 1 berechnet. Die Kalibrierfaktoren werden gegen die gemessenen SIE-Werte aufgetragen und geeignete Ausgleichskurven an die Werte angepasst.

Anschließend wird für eine unbekannte Probe, welche 3H und 14C enthält, die Zählrate in WINDOW 1 und in WINDOW 2 gemessen und der SIE-Wert bestimmt.

Mit der Kalibrierfunktion für 14C in WINDOW 2 wird die Aktivität von 14C in der Probe berechnet. Mit der Kalibrierfunktion für 14C in WINDOW 1 wird aus der berechneten Aktivität die Zählrate für 14C in WINDOW 1 berechnet und von der gemessenen Zählrate in WINDOW 1 abgezogen, um die Zählrate für 3H in WINDOW 1 zu erhalten, aus welcher mit der entsprechenden Kalibrierfunktion die Aktivität von 3H in der Probe berechnet wird.

    1. Kernphysikalische Daten
    2. Nuklid

      Halbwertzeit

      Eb ,max / keV

      3H

      (12,35 ± 0,01) a

      18,6

      14C

      (5730 ± 40) a

      156,5

      32P

      (14,262 ± 0,014) d

      1710,4

      33P

      (25,34 ± 0,12) d

      248,5

      35S

      (87,51 ± 0,12) d

      167,0

      36Cl

      (3,01 ± 0,02) 105 a

      709,2

      45Ca

      (163,8 ± 1,8) d

      257,0

      63Ni

      (100,1 ± 2,0) a

      65,9

      87Rb

      (4,80 ± 0,13) 1010 a

      282,3

      89Sr

      (50,53 ± 0,07) d

      1492,0

      90Sr

      (28,78 ± 0,29) a

      546,0

      90Y

      (2,671 ± 0,004) d

      2283,0

      99Tc

      (2,14 ± 0,08) 105 a

      293,6

      210Bi

      (5,013 ± 0,005) d

      1161,0

       

    3. Bearbeitung der Betaspektren

Die erhaltenen Dateien (*.001) lassen sich wie folgt mit der Software Origin der Fa. Microcal bearbeiten:

  1. Öffnen Sie eine neue Matrix und importieren Sie die gewünschte Datei (® import ASCII)
  2. Konvertieren Sie die Matrix in ein Worksheet (® Edit; ® Convert to Worksheet; ® XYZ Columns...; ® Conversion Type: Y Constant 1st
  3. Sie erhalten ein worksheet mit drei Spalten (columns), die mittlere Spalte kann gelöscht werden
  4. Setzen Sie Spalte C als Y (® rechte Maustaste; ® Set As; ® Y)
  5. Spalte A muss abschliessend neu durchnummeriert werden (® rechte Maustaste; ® Set Column Values; ® Col(A)=i)

Anhand dieses Worksheets können Graphen erstellt werden.