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"Schöner Wohnen"
Einblicke in private und öffentliche Arrangements
   
Marburger Nacht der Geisteswissenschaften
Meinen fotografischen Beitrag
"Schöner Wohnen"
am 23.11.2007
findet man im Hörsaalgebäude, Foyer
Biegenstraße, Marburg
ab 20 Uhr:
Text zum Thema

Insgesamt wurden über 500 zum Thema präsentiert...
Hier findet man nun ca. 100 Fotos

Schöner Wohnen Foto Heike Heuser
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"Schöner Wohnen"

Einblicke in private und öffentliche Arrangements

Ein ganz normaler fotografischer Spaziergang durch die Straßen europäischer Wohnquartiere:

Ein Einfamilienhaus hinter gepflegtem Vorgarten, klassischem Metallgitterzaun und einer Hausbeschriftung "Neue Heimat". Erkennbarer Stolz der Bewohner als Reaktion auf eine gefühlte Heimatlosigkeit?

Eine ausladende Eingangstreppe aus Sandstein, die Stufen am äußeren Ende geschmückt mit Figuren.

Ein Fenster, dessen Höhlung durch eine Fernsehsatellitenschüssel fast völlig ausgefüllt wird - Reicht den Bewohnern die Sicht auf die mediale Darstellung der Welt?

Ein Hund mit seiner Hütte auf einem Balkon.

Ein überdimensioniertes Wohnhochhaus mit klassischer Balkonwabenfassade. Nahezu jede Bewohnerin und jeder Bewohner versucht, durch eine individuelle Farbgestaltung des Balkonhintergrundes eigenen Stil und Geschmack zu zeigen.

Ein mit Stein ausgelegter Hof, geschmückt mit akkurat ausgerichteten Blumentöpfen. Ordnungssinn und Blumenschmuck suchen nach einer ästhetischen Verbindung.

Eine Hotelsitzecke, die kaum zum Sitzen einlädt, allerdings Sinn für Farbharmonie und Formen erkennen lässt.

Subjektive Einblicke in private und (halb)öffentliche Arrangements des Wohnens und Lebens in ländlichen und städtischen Quartieren in Europa, die sowohl Eindrücke in das Bemühen der Bewohnerinnen und Bewohner geben, ihre Lebensräume individuell zu gestalten, Wärme und Behaglichkeit herzustellen, unfreiwillig aber auch Anstöße zum Nachdenken geben und nicht selten beim Betrachten humoristische Reaktionen auslösen.
Die Vielfalt der individuellen Vorstellungen eines gelingenden Wohnens sollen dokumentiert, keinesfalls im falsch verstandenen Sinne vorgeführt werden.

Die Bilder geben zudem Anlass und Stoff für die geisteswissenschaftliche Bearbeitung des Themas.
Denn von der Höhlenmalerei der Urzeit, die Haus- und Stadtgestaltung der Antike (Pompeji!) und die des Mittelalters über die elenden Wohnquartiere des Industriezeitalters und die Behaglichkeitsvorstellungen des Bürgertums bis hin zum Penthouse mit Golf-Übungsanlage des "flexiblen Menschen" (Sennett1998) in der angeblichen Post-Moderne - am Thema Wohnen kommt keine Epoche vorbei.

Dabei sind je nach gesellschaftlichem Klima der Epoche und soziokultureller Situation neben der Funktionalität der Wohnung als Behausung eine nahezu unüberschaubare Reihe von Facetten festzustellen und damit auch Gegenstände wissenschaftlicher Bearbeitung:

Zur Unterstützung einer rationalen Lebensführung im damaligen historischen Zusammenhang fragte z. B. die Bauhausarchitektur der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts u. a. nach einer ablauforganisatorisch optimierten und gleichzeitig ästhetisch ansprechenden und wirtschaftlichen Küchengestaltung. Nach dem Motto "Baust Du ein Haus, dann denke an die Stadt", L. Snozzi, stellt sich aktuell die Architektur in Frankfurt/M. u. a. die Frage, ob die Rebebauung des Römers eher dem Wunsch nach Heimatwärme ("KNUSPERHÄUSCHEN") oder einem imaginären Bild der kühlen global city im Vergleich mit Shanghai zu folgen hätte.

Die Psychologie stellt sich u. a. Fragen der Territorialität, der Dichte und Enge, der Privatheit und weiteren Aspekten der subjektiven Befindlichkeit. Den Wahrnehmungsmechanismen ist dabei u. a. die Fotopsychologie auf der Spur. (Schuster 1996)

Milieu- und schichtenspezifische Faktoren des Wohnens, Status- und Machtsymbole, Segregations- und Exklusionsfragen einer Stadtentwicklung, ritualisierte und stilprägende Teile der Wohnformen, Dimensionen demografischer Veränderungen und die Probleme der global cities sind u. a. Themen der Soziologie.

Ethnologie und Volkskunde, Kulturwissenschaft, untersuchen die Raumorganisation, Einrichtungen, Ausstattungen, Kommunikation und Regulationen des Alltagslebens. Diese Andeutung zeigen, dass dabei u. a. ohne Geschichtswissenschaft und Archäologie kein brauchbares Bild zu gewinnen ist.

Wohn- und Wohnungsschilderungen, beispielsweise bei G. Hauptmann und T. Mann, aber auch die von Uderzo in den Asterix-Comics, sind längst auch zum Thema in der Literaturwissenschaft geworden.

Die Aufzählung ist selbstverständlich nicht abschließend. Die geisteswissenschaftliche Bedeutung des Themas in interdisziplinärer Anlage wird aber deutlich.

Methodisch ist dabei die Bedeutung des Bildes und der Bildauswertung enorm gewachsen und wird weiter zunehmen. (Vgl. "pictorial turn", Mitchell 1994, Bohnsack 2003, Sachs-Hombach 2005).

Zur "Nacht der Geisteswissenschaften" sind die Bilder ein Angebot, die Eindrücke des Alltäglichen Revue passieren zu lassen , mit den eigenen Vorstellungen zu spiegeln und zu reflektieren. Vielleicht entstehen Anregungen, im Angebot der geisteswissenschaftlichen Disziplinen nach weiterführendem Material zu suchen.


Literatur

Bohnsack, Ralf
Rekonstruktive Sozialforschung, Opladen 2003

Mitchell, William J. T., Picture Theory, London 1994

Sennett, Richard
Der flexible Mensch, Berlin 1998

Sachs-Hombach, Klaus (Hrsg.)
Bildwissenschaft, Frankfurt/M. 2005

Schuster, Fotopsychologie, Berlin/Heidelberg 1996