"Schöner Wohnen"
Einblicke in private und öffentliche Arrangements
Ein ganz normaler fotografischer Spaziergang durch die Straßen
europäischer Wohnquartiere:
Ein Einfamilienhaus hinter gepflegtem Vorgarten, klassischem
Metallgitterzaun und einer Hausbeschriftung "Neue Heimat". Erkennbarer
Stolz der Bewohner als Reaktion auf eine gefühlte Heimatlosigkeit?
Eine ausladende Eingangstreppe aus Sandstein, die Stufen am äußeren
Ende geschmückt mit Figuren.
Ein Fenster, dessen Höhlung durch eine Fernsehsatellitenschüssel fast
völlig ausgefüllt wird - Reicht den Bewohnern die Sicht auf die mediale
Darstellung der Welt?
Ein Hund mit seiner Hütte auf einem Balkon.
Ein überdimensioniertes Wohnhochhaus mit klassischer
Balkonwabenfassade. Nahezu jede Bewohnerin und jeder Bewohner versucht,
durch eine individuelle Farbgestaltung des Balkonhintergrundes eigenen
Stil und Geschmack zu zeigen.
Ein mit Stein ausgelegter Hof, geschmückt mit akkurat ausgerichteten
Blumentöpfen. Ordnungssinn und Blumenschmuck suchen nach einer
ästhetischen Verbindung.
Eine Hotelsitzecke, die kaum zum Sitzen einlädt, allerdings Sinn für
Farbharmonie und Formen erkennen lässt.
Subjektive Einblicke in private und (halb)öffentliche Arrangements des
Wohnens und Lebens in ländlichen und städtischen Quartieren in Europa,
die sowohl Eindrücke in das Bemühen der Bewohnerinnen und Bewohner
geben, ihre Lebensräume individuell zu gestalten, Wärme und
Behaglichkeit herzustellen, unfreiwillig aber auch Anstöße zum
Nachdenken geben und nicht selten beim Betrachten humoristische
Reaktionen auslösen.
Die Vielfalt der individuellen Vorstellungen eines gelingenden Wohnens
sollen dokumentiert, keinesfalls im falsch verstandenen Sinne
vorgeführt werden.
Die Bilder geben zudem Anlass und Stoff für die
geisteswissenschaftliche Bearbeitung des Themas.
Denn von der Höhlenmalerei der Urzeit, die Haus- und Stadtgestaltung
der Antike (Pompeji!) und die des Mittelalters über die elenden
Wohnquartiere des Industriezeitalters und die
Behaglichkeitsvorstellungen des Bürgertums bis hin zum Penthouse mit
Golf-Übungsanlage des "flexiblen Menschen" (Sennett1998) in der
angeblichen Post-Moderne - am Thema Wohnen kommt keine Epoche vorbei.
Dabei sind je nach gesellschaftlichem Klima der Epoche und
soziokultureller Situation neben der Funktionalität der Wohnung als
Behausung eine nahezu unüberschaubare Reihe von Facetten festzustellen
und damit auch Gegenstände wissenschaftlicher Bearbeitung:
Zur Unterstützung einer rationalen Lebensführung im damaligen
historischen Zusammenhang fragte z. B. die Bauhausarchitektur der
zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts u. a. nach einer
ablauforganisatorisch optimierten und gleichzeitig ästhetisch
ansprechenden und wirtschaftlichen Küchengestaltung. Nach dem Motto
"Baust Du ein Haus, dann denke an die Stadt", L. Snozzi, stellt sich
aktuell die Architektur in Frankfurt/M. u. a. die Frage, ob die
Rebebauung des Römers eher dem Wunsch nach Heimatwärme
("KNUSPERHÄUSCHEN") oder einem imaginären Bild der kühlen global city
im Vergleich mit Shanghai zu folgen hätte.
Die Psychologie stellt sich u. a. Fragen der Territorialität, der
Dichte und Enge, der Privatheit und weiteren Aspekten der subjektiven
Befindlichkeit. Den Wahrnehmungsmechanismen ist dabei u. a. die
Fotopsychologie auf der Spur. (Schuster 1996)
Milieu- und schichtenspezifische Faktoren des Wohnens, Status- und
Machtsymbole, Segregations- und Exklusionsfragen einer
Stadtentwicklung, ritualisierte und stilprägende Teile der Wohnformen,
Dimensionen demografischer Veränderungen und die Probleme der global
cities sind u. a. Themen der Soziologie.
Ethnologie und Volkskunde, Kulturwissenschaft, untersuchen die
Raumorganisation, Einrichtungen, Ausstattungen, Kommunikation und
Regulationen des Alltagslebens. Diese Andeutung zeigen, dass dabei u.
a. ohne Geschichtswissenschaft und Archäologie kein brauchbares Bild zu
gewinnen ist.
Wohn- und Wohnungsschilderungen, beispielsweise bei G. Hauptmann und T.
Mann, aber auch die von Uderzo in den Asterix-Comics, sind längst auch
zum Thema in der Literaturwissenschaft geworden.
Die Aufzählung ist selbstverständlich nicht abschließend. Die
geisteswissenschaftliche Bedeutung des Themas in interdisziplinärer
Anlage wird aber deutlich.
Methodisch ist dabei die Bedeutung des Bildes und der Bildauswertung
enorm gewachsen und wird weiter zunehmen. (Vgl. "pictorial turn",
Mitchell 1994, Bohnsack 2003, Sachs-Hombach 2005).
Zur "Nacht der Geisteswissenschaften" sind die Bilder ein Angebot, die
Eindrücke des Alltäglichen Revue passieren zu lassen , mit den eigenen
Vorstellungen zu spiegeln und zu reflektieren. Vielleicht entstehen
Anregungen, im Angebot der geisteswissenschaftlichen Disziplinen nach
weiterführendem Material zu suchen.
Literatur
Bohnsack, Ralf
Rekonstruktive Sozialforschung, Opladen 2003
Mitchell, William J. T., Picture Theory, London 1994
Sennett, Richard
Der flexible Mensch, Berlin 1998
Sachs-Hombach, Klaus (Hrsg.)
Bildwissenschaft, Frankfurt/M. 2005
Schuster, Fotopsychologie, Berlin/Heidelberg 1996
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