
 
Aktive Bürger verbessern das politische Klima
Seit
den siebziger Jahren ist die Bereitschaft gewachsen, sich zu engagieren /
Menschen verlieren die Lust, wenn kein Interesse an ihren Beiträgen besteht
Frankfurter Rundschau:
Politiker fragen, Bürger antworten. Wenn die Kommunen ihre Einwohner zur
Debatte bitten, welche Themen kommen dann auf die Tagesordnung? Volker Mittendorf:
Alles, was mit Planung zu tun hat. Das kann ein Bebauungsplan sein oder ein
Leitbild für ein Tourismuskonzept oder eine Verkehrsplanung. Da sind die
Grenzen weit gesteckt. Und dazu haben die Bürger dann Lust? Großes
Interesse an einer Beteiligung gibt es immer dann, wenn es um Projekte geht,
die eine sichtbare Auswirkung auf die Umwelt haben. Außerdem müssen Stadt-
oder Gemeindeverwaltungen dafür sorgen, dass die Vorhaben klar dargestellt
werden. Dazu gehört eine gute inhaltliche und bildliche Aufbereitung mit
Grafiken, Postern und Ähnlichem. Schon frühzeitig muss darüber informiert
werden, was geplant ist. Öffentliche Einladungen in der Presse sind da sehr
wichtig. Oder man will Personen einladen, die schon aktiv geworden sind.
Dann müssen diese Leute persönlich angesprochen werden, um sie für eine
Beteiligung zu gewinnen - vor allem, wenn es im Vorfeld Konflikte gab. Dann
kann es wichtig werden, dass jemand mit Autorität von außen die Beteiligten
zusammenbringt und klar macht, dass es um eine einvernehmliche Lösung geht. Und wann verweigern Bürger sich? Die
Menschen verlieren schnell die Lust an der Mitarbeit, wenn sie den Eindruck
gewinnen, dass es kein wirkliches Interesse an ihren Beiträgen gibt, oder
wenn ihnen ein Verfahren uneffektiv scheint. Geschieht das häufig? Es
kommt schon öfters der Eindruck auf, dass die Ergebnisse der Bürgerbeteiligung
nicht vollständig umgesetzt werden. Das ist ja auch nicht immer möglich.
Aber es gibt den Trend, die Dinge auf die lange Bank zu schieben, daran
hakt es am häufigsten. Das ist in den Vereinigten Staaten anders. Dort gibt
es die Möglichkeit etwa im Anschluss an Mediationsverfahren, einklagbare
öffentlich-rechtliche Verträge zu schließen und so eine gewisse Verbindlichkeit
herzustellen. In Deutschland ist man darauf angewiesen, dass die Parlamente
die Ergebnisse einer Bürgerbeteiligung auch entsprechend beschließen.
Es wird auch immer wieder diskutiert, die Ergebnisse mit einem Bürgerentscheid
zu verbinden, dazu fehlt jedoch in Hessen die rechtliche Grundlage. Ohne
diese Verbindlichkeit mag manche Bürgerbeteiligung wie eine Alibi-Veranstaltung
erscheinen, nach der die Politiker dann doch entscheiden, wie sie wollen. Der Verdacht
besteht sicher oftmals zu Recht. Es ist sehr wichtig, dass in den Parteien
und den Verwaltungen die Beteiligungen auch wirklich ernst genommen werden,
auch dann, wenn nicht das erwünschte Ergebnis erzielt wird. Wie kompetent sind Bürger, wenn es um so komplexe Fragen geht wie die Entwicklung einer Stadt, von Verkehrswegen,
Grünflächen, Baugebieten oder Gewerbeansiedlungen? Man
kann gut trennen zwischen dem Expertenwissen und dem Alltagswissen. Experten
wissen zum Beispiel, welche planungsrechtlichen Vorschriften einzuhalten
sind, welche Normen erfüllt sein müssen. Aber die Frage, wo ein Kindergarten
am besten stehen oder wie eine Straße am besten geführt werden sollte,
das weiß die Bevölkerung meist besser, als es irgendwelche Experten durch
ihre Planungsmechanismen herausfinden könnten. Welche Gruppen der Bevölkerung beteiligen sich denn? Sind es nicht vor allem Rentner, Lehrer und Vereinsfunktionäre? In
der Tat gibt es so etwas wie einen Überhang der lokal integrierten Mittelschicht.
Man sollte aber sehen, dass mit der Bildungsexpansion seit den 60er Jahren
mehr Menschen über die Ressourcen verfügen, aktiv zu werden. Die Mitte ist
sozusagen breiter geworden. Außerdem bieten Beteiligungsverfahren die Möglichkeit
zur Integration weiterer Bevölkerungsgruppen. Der Hauptvorteil dieser Verfahren
dürfte nicht in den sofort umsetzbaren Beschlüssen liegen, sondern darin,
dass mehr Menschen mehr voneinander wissen; dass sie es besser verstehen,
sich einzubringen und dass das politische Klima sich allgemein verbessert.
Engagement schafft sozusagen weiteres Engagement. Den
Jungen spricht man gemeinhin den Willen ab, sich in die Gemeinschaft einzubringen.
Eine Generation der Ich-AGs und Marketing-Experten in eigener Sache wachse
da heran. Ist von dieser Generation viel an politischer Einmischung zu erwarten? Die
Fähigkeit, selbstbewusst die eigene Persönlichkeit einzubringen, ist an sich
nicht negativ. Umfragen wie etwa die Shell-Studien zeigen, dass auch junge
Leute bereit sind, sich sozial und politisch zu engagieren. Das tun sie jedoch
eher punktuell und zielorientiert, nicht so sehr langfristig in Vereinen
oder Parteien. Themenzentrierte Beteiligungsverfahren sind da eine Ergänzung,
durch die die Teilnahmebereitschaft junger Leute geweckt werden kann. Vielleicht
können sie dadurch auch für längerfristiges Engagement gewonnen werden. Man
sollte Beteiligungsverfahren intensiver nutzen und die verfassten Möglichkeiten
der Beteiligung weiter ausbauen. Bei diesen vielen Vorteilen - warum werden Bürger da nicht häufiger an Planungsaufgaben beteiligt? Solche
Verfahren sind natürlich teuer. Man muss Verwaltungsmitarbeiter freistellen,
Tagungsräume besorgen, Experten engagieren, die einen solchen Prozess moderieren
können, man muss die Ergebnisse später auch zu Papier bringen. Das kostet
eben Geld. Da muss man abwägen: Welche Kosten nehme ich als Politik in Kauf,
und wie wichtig ist mir die Beteiligung der Bürger? Dagegen kosten natürlich
auch ungelöste Konflikte Geld, wenn beispielsweise jahrelang keine neue Verwendung
für eine Industriebrache gefunden wird. Da ist es sicher billiger, ein geeignetes
Bürgerbeteiligungsverfahren anzuwenden, um zu einer tragfähigen Lösung
zu kommen. Das ist eine politische Entscheidung. Und wie wird diese Entscheidung getroffen? Zugunsten von mehr oder eher weniger Bürgerbeteiligung? Es
gibt da von Stadt zu Stadt eine andere Kultur. Auf Landesebene allerdings
ist die Tendenz zu beobachten, lieber ungestört Politik zu machen, zumal
ja alle Anträge, die verfassten Beteiligungsverfahren wie beispielsweise
Volksentscheide zu vereinfachen, im Parlament von einer CDU/FDP-Mehrheit
abgeblockt wurden. In anderen Ländern, beispielsweise Bayern oder Nordrhein-Westfalen,
kommen die Bürger auch auf Landesebene viel eher zu Wort. Und nun wurden
ja auch die Beteiligungsmöglichkeiten beispielsweise der Naturschutzverbände
bei Planvorhaben beschnitten. Wird das die Bereitschaft der Bürger zum Engagement verringern? Deutschland
hat insgesamt nicht so eine Geschichte zivilen Engagements wie etwa die USA,
Frankreich oder die Schweiz. Seit den 70er Jahren hat es aber eine starke
Zunahme der Teilnahmebereitschaft gegeben, auch und gerade in Hessen.
Wenn man die Umfragen betrachtet, so hat sich das auf hohem Niveau stabilisiert.
Allerdings ist die Zufriedenheit mit den Politik-ergebnissen in den vergangenen
zehn Jahren stark zurückgegangen, darunter leiden auch die Institutionen.
Wie können Bürger von sich aus aktiv werden, wenn sie bei der
Gestaltung ihres Umfeldes mitmischen wollen? Im
Rahmen von Bürgerinitiativen hat sich in den vergangenen Jahren ein weites
Spektrum an Aktivitäten entwickelt, angefangen vom Leserbriefschreiben, Parteimitgliedschaft
über Demonstrationen, Beteiligung an Planungsverfahren bis hin zum Bürgerbegehren.
Auf Landesebene gibt es formal auch die Möglichkeit des Volksbegehrens,
das aber praktisch nicht durchführbar ist. Bei Runden Tischen, Foren und
Mediationsverfahren ist man jedoch immer auf den guten Willen der Politik
angewiesen. IM INTERVIEW Über die Lust des Bürgers auf Mitwirkung und die Unlust des Politikers, sich ins Handwerk pfuschen zu lassen, sprach FR-Redakteur Peter Hanack mit Volker Mittendorf.
Der Politikwissenschaftler (Foto: Rolf K. Wegst) arbeitet an der Forschungsstelle
Bürgerbeteiligung und Direkte Demokratie der Philipps-Universität in Marburg.
Dort untersucht der 32-Jährige die Wirkung von Beteiligungsverfahren.
[ document info ] Copyright © Frankfurter Rundschau 2002 Dokument erstellt am 06.12.2002 um 00:01:21 Uhr Erscheinungsdatum 06.12.2002
 
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