Mathematische Kristallographie in Marburg
In Marburg hat die Mathematische Kristallographie eine lange Tradition: Johann Gottlieb Waldin, der Gründer des Hessischen Mineralienkabinetts (aus dem später das Mineralogische Institut und Museum wurde), war von 1765 bis 1795 Professor
für Mathematik und Philosophie an der Philipps-Universität. Einen ersten Höhepunkt auf diesem Gebiet stellte das Wirken von Johann Friedrich Christian Hessel dar. Hessel war Direktor des Mineralienkabinetts von 1821 bis 1849 und wissenschaftlich aktiv bis 1872. Er beschäftigte sich mit der äußeren (makroskopischen) Symmetrie von Kristallen. Sein im Jahre 1830 in Gehlers physikalischem Wörterbuch erschienener Artikel "Krystall" gilt als die erste vollständige Ableitung der möglichen Symmetrien von Kristallpolyedern, der 32 Kristallklassen. Mit Friedrich Georg Klocke (1881 - 1884) und seinem Schüler Reinhard Anton Brauns (1883 - 1904) begann in Marburg der Versuch, physikalische Eigenschaften von Kristallen aus ihrem geometrischen Aufbau zu verstehen. Diese Betrachtungsweise wurde später von Helmut G. F. Winkler (1951 - 1962) wieder aufgenommen. Die Mathematische Kristallographie, wie sie heute in Marburg betrieben wird, geht aber vor allem auf Fritz Laves (1945 - 1948) und Carl Hermann (1947 - 1961) zurück. Beide waren bemüht, den atomaren Aufbau der Kristalle, die Kristallstruktur, aufgrund einfacher geometrischer Prinzipien zu erklären, und bereiteten damit den Weg für eine systematische, d. h. klassifizierende Beschreibung von Kristallstrukturen. Carl Hermann leistete darüber hinaus wesentliche Beiträge zum Verständnis der möglichen Symmetrien von Kristallstrukturen, der 230 Raumgruppen, und war außerdem der Erste, der kristallographische Symmetrien in Räumen höherer Dimension untersuchte. Er war der Herausgeber der "Internationalen Tabellen zur Bestimmung von Kristallstrukturen" (1935), des ersten Tabellenwerks über Raumgruppen, und einer der Initiatoren der "Strukturberichte", der ersten systematischen Dokumentation von Kristallstrukturen. Erwin Hellner (seit 1964, emeritiert 1988) setzte diese Tradition fort, indem er sich intensiv um eine klassifizierende Beschreibung von Kristallstrukturen bemühte. Im Zusammenhang damit gab er die Anregung zur Beschäftigung mit Fragestellungen der Mathematischen Kristallographie. Hieraus entwickelte sich ein eigenständiges Arbeitsteam "Mathematische Kristallographie" (Werner Fischer und Elke Koch).
Die Zukunft der Mathematischen Kristallographie in Marburg ist durch die derzeitige hochschulpolitische Entwicklung in Frage gestellt.
Nachtrag (Juni 2005)
Inzwischen steht fest, dass der Fachbereich 18 geschlossen und damit nach dem Ausscheiden auch von Elke Koch die Tradition der Mathematischen Kristallographie in Marburg nicht fortgesetzt wird. Das ist umso bedauerlicher, als sie in den letzten Jahren zusätzlichen Aufschwung bekommen hat: Bei der Interpretation ihrer Hochdruckexperimente griff Heidrun Sowa auf Argumente der Mathematischen Kristallographie zurück. Als Folge davon wurden - hauptsächlich von ihr selbst - systematisch weitere Kugelpackungen abgeleitet.
Nachtrag (April 2006)
Wie bedauerlich es ist, dass durch die Schließung des Fachbereichs Geowissenschaften die Tradition der Mathematischen Kristallographie in Marburg abgebrochen wird, ist dadurch dokumentiert worden, dass die Deutsche Gesellschaft für Kristallographie auf ihrer 14. Jahrestagung in Freiburg Werner Fischer die Carl-Hermann-Medaille verliehen hat. Damit wurde auch die Arbeit der Gruppe insgesamt gewürdigt.
Stand: April 2006