Projekt "Narrativik"
 

Die Marburger Arbeitsgruppe Narrativik beschäftigt sich mit dem Wer und Wie des Erzählens. Die Frage nach der Erzählinstanz verbindet sich mit den Fragen danach, wie Erzähltexte gebaut sind, welche Erzählmuster sie aufweisen, welche erzähltechnischen Konstruktionen sie auszeichnen.

Ausgehend von textlinguistischen Ansätzen versuchen wir, erzähltheoretisch und erzähllogisch die möglichen Versprachlichungsmuster und -strategien, die einem Erzähler - sowohl dem Alltags- als auch dem literarisch-fiktionalen Erzähler - überhaupt zur Verfügung stehen, zu erfassen. Alle potentiellen als auch wirklichen Erzähltexte sind damit beschreibbar, gleich, ob mittelalterliche, solche des Realismus oder experimentell-moderne Texte.

Der enge analytische Bezug zu den konkreten Texten und die Anwendbarkeit narrativer Theorien und Modelle auf die erzählende Literatur stehen dabei gleichberechtigt neben theoretischen Deduktionen.

Insofern die narrative Analyse und die Frage nach den Funktionen narrativer Strategien auch literaturwissenschaftlich weitergeführt werden können, ergibt sich ein interdisziplinärer Aspekt.

Ursprünglich sowohl anknüpfend an Frank K. Stanzel (Die typischen Erzählsituationen im Roman, 1955; Theorie des Erzählens, 1979) als auch in kritischer Abgrenzung zu ihm hat sich inzwischen ein eigenes, recht umfassendes Modell herausgebildet, das die unterschiedlichen Möglichkeiten des Erzählens systematisch erfaßt und erzähllogisch saubere Differenzierungen der einzelnen Parameter ermöglicht. Zum Teil ergeben sich dabei Parallelen, zum Teil Differenzen zu Jürgen H. Petersens Theoremen und Systematik (Erzählsysteme, 1993); die engste Verwandtschaft dürfte heute wohl zu dem französischen Erzähltheoretiker Gérard Genette (Die Erzählung, 1994) bestehen.

Ausgangspunkt von Theorie und Analyse ist die Erzählinstanz, der Narrator. In fiktionalen Texten ist dieser grundsätzlich nicht mit dem realen Autor identisch, vielmehr sind sowohl der Narrator als auch die Res- das sind die fiktionalen Handlungen, Geschehnisse, Zustände - Erfindungen des Autors. Die Erzählinstanz findet die Res vor und versprachlicht sie im Hinblick auf einen ganz abstrakt bleibenden oder auch konkret werdenden, gleichfalls fiktionalen Adressaten. Das, was dabei entsteht, ist der Erzähltext, die Narratio, die vom Erzähler auf eine bestimmte Weise und in bestimmter Intention so und nicht anders versprachlicht worden ist; dieser Prozeß folgt sozusagen einer narrativen Rhetorik. Das "So und nicht anders" dieser versprachlichenden Instanz bildet unseren textanalytischen Schwerpunkt - wobei das potentielle "andere" gleichsam als Folie mitgedacht wird.

Prinzipiell stehen dem Narrator viele verschiedene Möglichkeiten der Versprachlichung zur Verfügung, von denen hier nur einige genannt seien.

So kann er sich auktorialoder nicht-auktorial äußern, d. h. seine Origo explizit markieren oder nicht. Diese Definition unterscheidet sich von der geläufigen zum einen durch die Heranziehung des Origo-Konzepts Karl Bühlers (Sprachtheorie, 1934). Zum zweiten steht sie dem gängigen, aber logisch nicht haltbaren Verständnis von Auktorialität als einem Konglomerat von auktorialer Rede, omniszientem Erzählerverhalten und Erzählerwertungen entgegen, wie dies seit Stanzel verstanden wird und obwohl inzwischen an seinen Theoremen eine berechtigte fundamentale Kritik geübt worden ist. An die Erzählform (ich- oder er-erzählt) ist die Kategorie der Auktorialität ebenfalls nicht gekoppelt, vielmehr handelt es sich um beliebig miteinander kombinierbare Möglichkeiten, so daß vier mögliche Erzählsituationen existieren (und nicht wie bei Stanzel drei).

Unser Begriff des Erzählerstandpunktes, unter den auch Omniszienz fällt, ist etwas ganz anderes als Auktorialität. Denn hierbei geht es um die Frage, welchen Blickwinkel ein Narrator einnimmt, welches Wissen er besitzt. Dabei ist eine Skala vom monoperspektivisch beschränkten bis hin zum omniszienten Erzählerverhalten zu beobachten. Die perspektivische Beschränkung kann unterschiedlich stark ausgestaltet sein, und zwar in vier Stufen, wobei unter anderem Innensicht/Außensicht eine Rolle spielen.

Schließlich kann ein Narrator in unterschiedlichem zeitlichen Verhältnis zur erzählten Res stehen, nämlich in einem der Vorzeitigkeit, der Nachzeitigkeit oder der Gleichzeitigkeit. Die Kategorie Zeitbezug definiert dieses zeitliche Verhältnis zwischen Redemoment und Res als vergangen, gegenwärtig, zukünftig und verbindet dies mit einer Systematik der Tempora. Dabei wird gegen das seit Käte Hamburger (Die Logik der Dichtung, 1957) bestehende Theorem der Zeitlosigkeit des epischen Präteritums ebenso argumentiert, wie ein Phänomen moderneren Erzählens erfaßt und beschrieben werden kann: das sogenannte epische Präsens. Sehr wohl nämlich besitzen die Tempora in Erzähltexten eine zeitliche Bedeutung, und ebenso hat dies Auswirkungen auf die Möglichkeiten des Erzählens, die einem Narrator zur Verfügung stehen; einige Erzählstrategien sind eben nur beim präteritalen Erzählen verwendbar.

Weitere zentrale Forschungsaspekte seien hier nur kurz angerissen, etwa das Phänomen des gestuften Erzählens: Innerhalb eines Erzähltextes kann der Narrator das Wort an eine Figur abgeben, die nun ihrerseits in direkter Rede eine Geschichte erzählt (z. B. Boccaccios "Decameron" oder Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften" mit seiner Novelle 'Die wunderlichen Nachbarskinder'). Wenn ein solcher Origo-Wechsel stattfindet, so spricht man von gestuftem Erzählen - ein Phänomen, das literaturwissenschaftlich zum Teil unter dem Terminus Rahmen-/Binnenerzählung gefaßt ist. Narrativ gesehen, muß aufgrund des Origo-Wechsels und somit des Wechsels vom eigentlichen zum Figuren-Narrator die Figuren-Narratio einer eigenen narrativen Analyse unterzogen werden.

Bei der Kategorie Erzählerprofil geht es um die Sprachgebung des Narrators, die Sprachkompetenz, um Ironie, Verwendung von Bildern, Syntax etc., also unter anderem um Fragen des Stils. Alles, was Aufschluß gibt über die Erzählinstanz - ihre Einstellung zur Welt, ihre Intention, ihr Verhältnis zur Res usw. -, spielt hier hinein.

Fragen nach der Funktionnarrativer Vorgehensweisen in einem bestimmten Text spielen schließlich eine wichtige Rolle. Auch genretypische Beobachtungen können sich dabei einstellen: So ist etwa im Krimi aus naheliegenden Gründen - wie Spannungserzeugung oder das Hervorrufen von Pointen - ein ausgeprägter und spezifischer Umgang mit den Erzähltechniken Selektion(Aussparung) und Sukzession (chronologisch vs. achronologisch) zu beobachten. Auch epochentypische Erscheinungen geraten in den Blick: beim modernen Erzählen beispielswiese die Tendenz zur aufgehobenen oder unklaren Chronologie, zur Sprengung der Textkohärenz, ein unklares narratives Profil, ein unzuverlässiger Erzähler, das Spiel mit Wahrheitstopoi u.v.a.m. - ästhetische Phänomene, die mit soziokulturellen Veränderungen einhergehen.
 

Mitarbeiter:

Prof. Dr. Wolfgang Brandt
Prof. Dr. Rudolf Freudenberg
Klaus Kirchmeyer
Dr. Claudia Mauelshagen
Prof. Dr. Bruno Roßbach (Seoul).
 

Literaturhinweise:

1. zur Einführung:

  • Brandt, Wolfgang: Schreibprobleme - Erzählprobleme. In: Schreibprozesse - Schreibprodukte. Festschrift für Gisbert Keseling. Hrsg. von M. Kohrt und A. Wrobel. Hildesheim/ Zürich/New York 1992, S. 25-53.
  • Freudenberg, Rudolf: Das perspektivische Erzählen als literarisches Stilmittel. In: Sprache in Vergangenheit und Gegenwart. Beiträge aus dem Institut für Germanistische Sprachwissenschaft der Philipps-Universität Marburg. Hrsg. von W. Brandt in Verbindung mit R. Freudenberg. Marburg 1988 (Marburger Studien zur Germanistik. Bd. 9), S. 270-282.
  • Freudenberg, Rudolf: "Indem ich die Feder ergreife ..." Erwägungen zum Redemoment beim literarisch-fiktionalen Erzählen. In: Schreibprozesse - Schreibprodukte. Festschrift für Gisbert Keseling. Hrsg. von M. Kohrt und A. Wrobel. Hildesheim/Zürich/New York 1992, S. 105-162.
  • Roßbach, Bruno: Die Manifestationen des Erzählers. Zur Makrostruktur narrativer Texte. In: Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik (ZDL) 62 (1995), S. 31-55.

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    2. Liste der bislang vorliegenden Publikationen
     
     

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