Jugendreport Natur '97

 

Das Bambi-Syndrom

Erste Befunde zum Thema Jugend und Natur

 

 

Pressetext

Rainer Brämer

 

 

 

Zusammenfassung

 

Die Ergebnisse einer Befragung von über 2800 westdeutschen Jugendlichen dokumentieren auf den ersten Blick eine außerordentliche Hochschätzung von Natur und Naturschutz. Rund 90% können sich ein Leben ohne Natur nicht vorstellen und halten die Einrichtung von Naturschutzgebieten für wichtig.

 

Damit verbindet sich jedoch ein auffälliger Hang zur Verniedlichung der Natur. Bäume pflanzen, den Wald aufräumen und Vögel füttern liegt den Jugendlichen ebenso am Herzen, wie sie das Fällen von Bäumen und den Abschuß von Wild ablehnen.

 

Aus dem Mitgefühl für die Natur erwächst eine Berührungsscheu, die teilweise den Charakter einer moralischen Selbstaussperrung annimmt. Verbotsschilder werden als nützlich, Grillplätze und Querwaldeingehen als schädlich für den Wald empfunden, und fast die Hälfte der jungen Menschen ist der Meinung, daß noch viel mehr Wald für Besucher gesperrt werden sollte.

 

Im Effekt verstärken diese vordergründig naturschutzkonformen Haltungen die ohnehin vorhandene Naturentfremdung des Nachwuchses. Schon heute fällt jedem zweiten Youngster auf die Frage nach einem beeindruckenden Naturerlebnis oder der Farbe von Kartoffelblüten nichts ein. 60% ist es unangenehm, einen Käfer über die eigene Hand krabbeln zu lassen, während 40% gerne mit dem Walkman durch die Natur gehen.

 

 

Detailergebnisse

 

1. Befragungsdaten

 

Befragte

Ort

Zeit

Träger

 

Sponsoren

112 Klassen mit 2817 Schüler/innen der Klassenstufen 4-12

Grund-, Haupt-, Real- und Gymnsialschulen in Ruhrgebiet und Sauerland

September bis November 1997

Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Marburg in Kooperation mit der Wildwald Umwelt- und Naturschule Arnsberg-Voßwinkel

Landesjagdverband und Schutzgemeinschaft Deutscher Wald NRW, Jugendwaldheim Roßberg/Hessen, Soznat e.V. Marburg

 

2. Bekenntnis zu Natur und Naturschutz

 

Feststellung

ja

 

nein

Eigentlich komme ich in meinem Leben auch ohne Natur aus

 

Das ist wichtig für uns alle: Naturschutzgebiete schaffen

 

Die Naturschützer müssen viel mehr zu sagen haben

 

 

93 %

 

79 %

88 %

 

 

 

Die hohen Bekenntnisquoten stehen in auffälligem Gegensatz zu einer nach wie vor wachsenden Medien- und Konsumorientierung und einem abnehmenden Umweltengagement der jungen Generation.

 

 

Das Bambi-Syndrom

 

Das ist wichtig für uns alle:

·      Bäume pflanzen

·      Den Wald aufräumen

·      Im Winter Vögel füttern

ja

96 %

91 %

78 %

 

Das nützt oder schadet dem Wald:

·      Tote Bäume und Äste wegräumen

·      Holz fällen

·      Die Jägerei

nützt

54 %

 

schadet

 

69 %

58%

Das mache ich gern:

·      Mit dem Förster unterwegs sein

·      Mit einem Jäger auf die Pirsch gehen

·      Beim Baumfällen helfen

ja

31 %

 

nein

48 %

56 %

72 %

Das empfinde ich als grausam/faszinierend

·      Ein Raubvogel fängt einen jungen Hasen

·      Ein Jäger schießt ein Reh

grausam

29 %

54 %

faszinierend

40 %

13 %

 

 

Die Natur fordert offenbar die Pflegeinstinkte der jungen Generation in hohem Maße heraus: Man muß für ihren Nachwuchs Sorge tragen (Bäume pflanzen), ihr in der Not beistehen (Vögel füttern) und sie hübsch herausputzen (Wald aufräumen). Demgegenüber wird die menschliche Entnahme von Naturprodukten als schädlicher Eingriff empfunden, Förster und Jäger erscheinen folglich als (grausame) Bedrohung der armen Natur.

 

Moralische Selbstaussperung

 

 

Der Mensch ist der größte Feind der Natur

Ja

77 %

Nein

Das nützt oder schadet dem Wald:

·      Verbotsschilder

·      Grillplätze

·      Quer durch den Wald laufen

·      Zelten

nützt

79 %

 

11 %

15 %

schadet

 

61 %

48 %

43 %

 

Es müßte verboten sein, quer durch den Wald zu gehen

Es müßte noch viel mehr Wald für Besucher gesperrt sein

ja

35 %

45 %

nein

48 %

28 %

Zum Vergleich:

Das mache ich häufiger:

·      Querwaldeingehen

Das mache ich gern:

·      Im Wald übernachten

·      Auf einem Rastplatz grillen

·      Durch den Wald streifen / bei einer Schnitzeljagd mitmachen

ja

 

60 %

 

69 %

56 %

55 %

 

 

 

 

Querwaldeinlaufen, Grillen, Zelten: Noch werden diese Traumaktivitäten sämtlicher Vorgängergenerationen auch von einer Mehrheit der zeitgenössischen Jugend geschätzt. Doch zugleich unterliegen auch diese menschlichen Eingriffe in die Natur dem Verdikt des Naturschädlichen, und zwar nicht selten auch seitens ihrer erklärten Anhänger. Begeben diese sich nur noch mit Schuldgefühlen in den Wald oder sehen sie für sich persönlich keinen Zusammenhang zwischen Naturneigung und Ökomoral? Ob mit oder (hoffentlich) ohne Schuldgefühle: Der Hang zur moralischen Selbstausperrung einschließlich einer gänzlich unjugendlichen Befürwortung von Verbotsschildern dürfte einer innigen Naturbeziehung nicht gerade förderlich sein, sondern die bereits vorhandene Naturentfremdung eher verstärken.

 

Jugendliche Naturentfremdung

 

Welche Farbe hat

·      eine Kuh?

·      eine Ente?

·      blühender Raps?

·      eine Kartoffelblüte?

 

lila

gelb

falsche oder keine Antwort

falsche oder keine Antwort

 

1 %

9 %

41 %

56 %

Kannst Du Dich an ein besonders angenehmes Naturerlebnis erinnern?

Kannst Du Dich an ein besonders unangenehmes Naturerlebnis erinnern?

kein Einfall

 

kein Einfall

40 %

 

59 %

Das mache ich gern:

·      Einen Käfer über meine Hand krabbeln lassen

·      Mit dem Walkman durch die Natur gehen

 

nein

ja

 

63 %

40 %

 

 

Weitere Ergebnisse unter dem Titel "Lila Kuh - Naturentfremdung in der jungen Generation" hier

 

Ein ausführlicherer Ergebnisbericht erschien in der Reihe "Top Natur" unter dem Titel "Das Bambi-Syndrom - Vorläufige Befunde zur jugendlichen Naturentfremdung"