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Jugendreport Natur '06
Pressetext
Jugendreport Natur
· Seit den 90er Jahren werden regelmäßig Befragungen von Jugendlichen an und in der Pubertätsschwelle zu ihrer alltäglichen Naturbeziehung durchgeführt.
· Einschlägige Befunde dokumentieren die Titel "Das Bambi-Syndrom" (1997) oder "Nachhaltige Entfremdung" (2003)
· Die aktuelle Befragung fand vom Frühjahr bis Spätherbst 2005 an 26 überwiegend nordrhein-westfälischen Schulen aller Schulformen und Standorte mit über 2.200 Jugendlichen der Klassen 6 und 9 statt.
Die gute Nachricht: Hinreichende Naturkontakte
· 61% der Jugendlichen können den nächsten Wald innerhalb von fünf Fußminuten erreichen, nur 12% sind dafür auf motorisierte Verkehrsmittel angewiesen.
· 38% geben an, mehrmals pro Woche im Wald zu sein, 11% sind es nie. 47% halten sich mehrmals wöchentlich in Wiesen und Feldern, 68% in Gärten auf: Möglichkeiten zu Naturkontakten gibt es genug, doch dominieren gepflegte Naturszenen.
· "Schon oft" sind 66% auf einen Baum geklettert, 53% über einen Baumstamm balanciert, 45% allein durch den Wald gegangen. Es mangelt nicht grundsätzlich an Naturerfahrungen.
Die schlechte Nachricht: Abschied von der Natur
· "Noch nie" haben über 60% der Jugendlichen beim Bauern oder bei Waldarbeiten geholfen, 33% Schmetterlinge oder Käfer gefangen, 31% einen Bach gestaut und 23% Rehe in freier Wildbahn beobachtet.
· Junge Menschen haben immer weniger Neigung, etwas in der Natur zu unternehmen. Ausgenommen hiervon sind Aktivitäten, in denen die Natur lediglich als Kulisse fungiert.
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Aktiv |
2005 |
2002 |
Aktiv |
2005 |
2002 |
Aktiv |
2005 |
2002 |
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Radeln |
52% |
71% |
Paddeln |
32% |
55% |
Feiern |
76 |
60 |
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Klettern |
32% |
46% |
Spazieren |
17% |
30% |
Sport treiben |
72 |
64 |
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Wandern |
11% |
28% |
Mit Freunden unterwegs |
88 |
90 |
· Mit zunehmendem Alter sinkt das Interesse an Naturaktivitäten erheblich:
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Neigung |
Kl.6 |
Kl.9 |
Neigung |
Kl.6 |
Kl.9 |
Neigung |
Kl.6 |
Kl.9 |
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Radeln |
58% |
46% |
Paddeln |
37% |
27% |
Abenteuer |
75% |
56% |
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Klettern |
40% |
23% |
Wandern |
14% |
08% |
Wildnis |
46% |
36% |
· Trotz hinreichender Gelegenheit erscheint die gepflegte Natur jugendlichen Zeitgenossen eher langweilig.
Hintergrund: Leben in der Kunstwelt
· Das jugendliche Zeitbudget ist von der Clique und den Medien bestimmt: Sie verbringen pro Woche jeweils gut 20 Zeitstunden mit Freunden und vor dem Bildschirm - genauso so viel wie im Schulunterricht.
· Schon in der 6. Klasse besitzen jeweils rund 70% einen eigenen Fernseher bzw. PC. Im Schnitt werden diese im Alter von 9-10 Jahren erworben. Der Besitz dieser Geräte erhöht den Fernsehkonsum um die Hälfte, die PC-Nutzung auf das Dreifache.
· Jungen verbringen täglich ¾ Stunden mehr mit dem PC als Mädchen, die dafür mehr Kontakte pflegen und 11 Minuten mehr Zeit auf die Hausaufgaben verwenden.
· Unternehmungen in der Natur sind umso unattraktiver, je mehr elektronische Medien (wie TV oder PC) man besitzt oder sich ihrer bedient.
Nützen und Schützen
· 80% der Jugendlichen sind schon mal über das richtige Verhalten im Wald belehrt worden. Dabei tun sich Naturschützer und Jäger besonders durch Ermahnungen zur Einschränkung der jugendlichen Bewegungsfreiheit hervor.
· Entgegen diesen moralischen Vorgaben und eigenen Vorbehalten aus früheren Jahren ("Bambi-Syndrom") halten sie Mountainbiken, Querwaldeinlaufen und draußen Übernachten zur überwiegenden Mehrheit für unschädlich.
· Um so kritischer beurteilen sie die produktive Nutzung der Natur, insbesondere wenn es den natursymbolisch besonders hoch besetzten Wald betrifft. Das Jagen von Rehen und das Fällen von Bäume empfinden sie als besonders naturschädlich - über 10% mehr als noch 1997 und 2003.
· Über natürliche Rohstoffe von Küchenprodukten wissen sie nur etwas zu sagen, wenn diese gut schmecken und vor Ort hergestellt werden (Sahne, Pudding). Weniger als die Hälfte kennen die Ausgangspflanzen von Rosinen und Speiseöl. Aus welchem Rohstoff die Porzellan- und Plastikschüsseln hergestellt werden, in denen all das angerührt wird, weiß nur jeder Zehnte.
· Wer sich verstärkt für den Natur- und Umweltschutz einsetzt, weiß mehr über die natürlichen Rohstoffe von Alltagsprodukten, hat öfter beim Bauern oder im Forst mitgeholfen und nutzt die Natur mehr als Freizeitraum. Im Gegensatz zu herrschenden Klischees korrelieren Nützen und Schützen also positiv miteinander.
Die Nachhaltigkeitsfalle
· Die davon abgesehen weitgehende Verdrängung der produktiven Nutzung von Natur erschwert das Verständnis von Nachhaltigkeit, geht es dabei doch um das Wie dieser Nutzung. Folgerichtig fiel schon im Rahmen des Jugendreports 2003 über der Hälfte der Befragten spontan nichts zum Thema Nachhaltigkeit ein, nur 11% hatten halbwegs zutreffende Vorstellungen dazu.
· In der Hoffnung, den Schülern mehr zum Thema Nachhaltigkeit zu entlocken, wurden ihnen diesmal vorformulierte Antworten vorgegeben. Im Schnitt verweigerten nunmehr lediglich 20% die Antwort, doch wurden die richtigen Antworten nicht häufiger als die falschen angekreuzt. Statistisch gesehen lagen die meisten Antwortquoten im Bereich der Ratewahrscheinlichkeit.
· Eine Ausnahme bildete lediglich das Gebot, keinen Müll in die Natur zu werfen, das fälschlicherweise von 54% als Merkmal von Nachhaltigkeit benannt wurde, während die (nachhaltige) Trennung von Müll nur unterdurchschnittliche 24% Zustimmung erfuhr. Nach wie vor ersetzt eine ausgeprägte Sauberkeitsästhetik und bambihafte Verniedlichung der Natur (Tiere nicht stören, Pflanzen nicht beschädigen) ein profundes Nachhaltigkeitsbewusstsein.
· Daran ändert zunehmendes Alter, höhere Bildung und dörfliche Naturnähe so gut wie nichts. Die seit Jahren weltweit propagierte "Erziehung zur Nachhaltigkeit" ist bislang offenbar weitgehend wirkungslos geblieben.
Hoffnungsschimmer
· Jugendliche vom Lande verfügen über mehr Naturkontakte und -erfahrungen Das ändert freilich nichts an ihren Wertvorstellungen über Natur, ihren marginalen Rohstoffkenntnissen und ihrem geringen Verständnis von Nachhaltigkeit. Immerhin kommen sie mit über 10% weniger Elektronik aus, die sie überdies weniger nutzen.
· Mitglieder von Naturschutzgruppen und Teilnehmer von Umweltaktionen zeichnen sich durch einen generell stärkeren Erlebnisdrang aus. Sie verfügen über sehr viel mehr Naturkontakte und -erfahrungen, und zwar nicht nur positiver Art (Arbeiten, Unfälle). In ihren Gruppen waren sie sehr viel öfter moralischen Belehrungen ausgesetzt, woraus ein verstärktes Bambi-Syndrom resultiert. Ein Hauptinhalt ihres Engagements scheint in der Beseitigung von Müll zu bestehen - offenbar ein umweltschützerischer Initiationsritus, der weder etwas mit Naturschutz noch mit Nachhaltigkeit, sondern "nur" mit Naturverschönerung zu tun hat. Ihr ökologischer Wertehorizont bleibt davon ebenso unberührt wie ihr Nachhaltigkeitsverständnis.
· Eine besonders enge Beziehung zur Natur haben auch diejenigen, die sich von sich aus oft in der Natur aufhalten, sei es, weil der Wald besonders nahe liegt, oder sei es aus ihrem besonders ausgeprägten Spiel-, Bewegungs- und Entdeckerdrang heraus. Auch ohne pädagogische Betreuung sammeln sie selbständig reichhaltige Naturerfahrungen. Zugleich haben sie ein rationaleres, weniger bambihaftes Verhältnis zur Natur. Zwar wissen auch sie nicht mehr über Nachhaltigkeit - die generelle Ignoranz in diesem Punkt scheint durch nichts erschüttert werden zu können.
· So positiv die mit regelmäßigen Waldbesuchen verbundenen Effekte zu bewerten sind, so erschreckend fällt die Bilanz derer aus, die sich extrem selten im Wald aufhalten. Von ihnen hat ein Viertel noch nie ein Pferd gestreichelt, ein Drittel noch nie auf einem Baumstamm balanciert, die Hälfte noch nie ein Reh in freier Wildbahn beobachtet und rund 80% noch nie bei der Feld- oder Waldarbeit geholfen. Statt dessen verbringen sie pro Tag fast zwei Stunden mehr als die Waldkundigen mit elektronischen Medien, ein Zeit, die letztere abgesehen von ihren Naturhobbys verstärkt mit Sport und Lesen verbringen.
· Wenn die Häufigkeit des Waldbesuchs auch nur halbwegs ursächlich an diesen Verschiebungen beteiligt ist, wäre hiermit ein Ansatzpunkt für das Umsteuern des scheinbar unaufhaltsamen Prozesses jugendlicher Medienfixierung, Bewegungsarmut und Naturentfremdung gefunden.
Ultimatives Resümee
· Im Vergleich zu den Vorgängerstudien dokumentiert der Jugendreport Natur 2006 ein zunehmendes Verschwinden der Natur aus dem alltäglichen Horizont junger Menschen. Interesse und Erfahrungen haben weiter abgenommen, der altersmäßige Abschied von der Natur setzt früher ein, die Konsumwelt überdeckt mit ihrem medialen Glamour das Wissen um unsere grundlegende Abhängigkeit von den natürlichen Ressourcen. Es scheint fast so, als verflüchtige sich das jugendliche Naturbewusstsein allmählich in die Obskurität einer unbedeutenden Nische des Alltagslebens - und das, obwohl die Natur für die meisten jungen Menschen immer noch erstaunlich nahe liegt und man eigentlich schon fast alles erprobt hat. Aber das geschah vorwiegend in einer gepflegten, bewirtschafteten Natur und unter der Schirmherrschaft einer erlebnisfeindlichen Naturmoral. Eine solch reglementierte Natur hat gegenüber den hektischen Reizen der Medien kaum eine Chance.
· Hinzu kommt das die Realität rosa übertünchende Bambi-Syndrom, welches allerdings eine leichte Veränderung erfahren hat, indem es weniger das eigene Verhalten betrifft als das anderer verurteilt, allen voran das der Jäger und Förster. In seiner ästhetischen Dimension konzentriert es sich nach wie vor auf den Müll-Komplex. Durch seine emotionale Fundierung blockiert es fast vollständig das Verständnis von Nachhaltigkeit.
· Besonders deutlich tritt der eklatante Bruch zwischen Naturerfahrung und -bewusstsein zutage. Wenn die routinemäßige Differenzierung der Befunde nach Alter, Geschlecht, Bildung oder Wohnlage im Wert- und Nachhaltigkeitsverständnis von Natur zu erkennen gibt, dann bestätigt das die Hypothese, dass das allgemeine Naturbild in so gut wie keinem Zusammenhang mit dem alltäglichen Naturumgang steht. Die umweltpädagogische Werteerziehung klassischer Prägung ändert wenig am Alltagsverhalten der Betroffenen.
· Dennoch bleibt der Jugendreport Natur '06 nicht perspektivlos. Zu den überraschendsten Ergebnissen gehört der hohe Grad an Naturkompetenz, der sich mit dem Faktum häufiger Waldbesuche verbindet. Jenseits des pädagogischen Schonraums der Umweltaktionen und Naturschutzgruppen, bei denen es vorzugsweise um Müll und Moral zu gehen scheint, kommt der enge Spontankontakt zum Wald dem Aktivitäts- und Erlebnisdrang junger Menschen im Echtraum entgegen und vermittelt vielfältige Bewegungs- und Naturerfahrungen. Damit verbindet sich ein realistischeres Verhältnis zu Umwelt und Medien. Statt die Natur gegen den Erlebnisdrang junger Menschen abzuschotten und Naturkontakte nur noch mit umwelterzieherischer Absicht zuzulassen, sollte im Gegenteil zukünftig mehr Raum für spontane Erfahrungen gegeben werden, faktisch ebenso wie ideologisch.