Profilstudie Wandern '04

 

Grenzenlos Wandern

 

Sonderauswertung Pilgern in Stichworten

 

 

 

Rainer Brämer

 

 

 

 

Themenübersicht

 

 

Materialsammlung Pilgern.......................................................................

Geschichte Pilgern....................................................................................

Philosophie...............................................................................................

Motive......................................................................................................

Jakobsweg(e)............................................................................................

Jakobs-Pilger............................................................................................

Jakobstrassen...........................................................................................

Sonstige Wege........................................................................................

Profilstudie Wandern 2004.....................................................................

Basisstichprobe......................................................................................

Pilgern aus Wanderersicht.....................................................................

Potenzielle Pilgermotive...........................................................................

Sonderprofil Pilger..................................................................................

Wanderdemografie..................................................................................

Wandermotive........................................................................................

Pilgermotive............................................................................................

Landschaftscharakter..............................................................................

Wanderziele............................................................................................

Wanderwege...........................................................................................

Landschaftsausstattung...........................................................................

Tourengestaltung.....................................................................................

Orientierung............................................................................................

Wanderintensität.....................................................................................

Sonstige Freizeitaktivitäten.......................................................................

Erstes Resümee.......................................................................................


 

 

 

Erstes Resümee

 

So viel steht fest: Pilger sind keine typischen und schon gar nicht Extrem-Wanderer, sondern eher wanderungewohnt. Was sie mit Wanderern verbindet, ist vor allem ihre Aversion gegen verkehrsgerechte Fußwege.

 

Die Wallfahrt mit ihren sechsstündigen Tagesetappen ist für sie eine immense Heraus- und vermutlich teilweise auch Überforderung. Bergige Wanderabschnitte werden von ihnen besonders reserviert bewertet. Nach Art des klassischen Bußganges geht es ihnen offenbar eher um die Schaffung von als geeignet angesehenen Rahmenbedingungen für eine innere Reinigung als um sportliche Leistungen oder Genusswandern.

 

Dementsprechend spielen alle Genussfaktoren von stiller Natur über schöne Landschaften bis zu gemütlicher Einkehr und kulinarischen Versuchungen eine untergeordnete Rolle. Aber auch religiöse wie pseudoreligiöse Motive wie Sinnsuche sind von nachrangiger Bedeutung. In erster Linie hofft man auf dem jahrhundertealten Pilgerweg ein Stück einfaches Leben in einer heilen Welt zu finden. Diese rückwärtsgewandte Sehnsucht wird man am ehesten als Flucht aus einer überfordernden Hochzivilisation interpretieren können.

 

Als die am stärksten von der technischen Verkünstlichung des Alltags und Intensivierung des Berufslebens Betroffene sind es in extrem überproportionalem Maße die gehobenen Bildungsschichten, die sich auf den beschwerlichen Weg nach Santiago machen. Angesichts ihres Alters von durchschnittlich 52 Jahren haben sie es in ihrem Leben vermutlich weit gebracht - der Jakobspfad, ein individualistischer Nostalgietrip für verunsicherte Erfolgsmenschen?

 

Als zeitgeistig wache Individuen verbinden sie mit der Suche nach dem verlorenen Paradies indes auch die Neugierde auf das Neue, Andere, Fremde einschließlich der besonderen Menschen, die sie unterwegs kennenzulernen hoffen. Insofern sind sie ihrem zweiten starken Pilgermotiv zufolge auch klassische Touristen, wenn auch mit asketischerem Akzent. Als Gesinnungstouristen wollen sie sich im Staub des Jakobspfade erneuern, um noch einmal anders anfangen zu können. Psychologisch gesehen verbirgt sich dahinter letztlich ein Regressionsmotiv, womit die Pilgerschaft eine psychotherapeutische Dimension bekommt. Obwohl das in geringerem Maße auch beim normalen Wandern der Fall ist, darf bezweifelt werden, ob aus Pilgern nachträglich normale Wanderer oder aus Genusswanderern massenhaft asketische Pilger werden.