Bambi-Syndrom kontra Nachhaltigkeit?
Neue Befunde zur jugendlichen Naturentfremdung
Rainer Brämer
(2003)
1. Widersprüche
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Fragt man junge Menschen nach ihrer Lieblingspflanze, so benennt die Hälfte
ein Gärtnerprodukt, einem Drittel fällt gar nichts ein, nur weniger
als ein Sechstel verweist auf ein Wildgewächs. Die Rose besetzt mit
Abstand den Spitzenplatz auf der pflanzlichen Hitliste, aber nur 13% der
Jugendlichen wissen, wie die Früchte der Rose heißen.
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Schokolade ist auf dem Speiseplan unseres Nachwuchses als süße
Zutat allgegenwärtig, aber nur zwei Fünftel kennen die Früchte
des Kakaobaumes. Vanille wird als Eis, Pudding und Geschmacksverstärker
massenhaft konsumiert, aber nur ein Drittel weiß um die Farbe von
Vanillefrüchten, der Rest verwechselt sie mit der der künstlichen
Lebensmittelbeigabe. Die junge Generation hat Fastfoodketten in ihrem Hunger
auf Bouletten, Würstchen und Chicken zu Großkonzernen gemacht,
aber nur ein Drittel hält das Schlachten von Tieren für notwendig.
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In des Rangskala der für uns alle wichtigen Tätigkeiten steht
das Pflanzen von Bäumen aus jugendlicher Sicht mit an der Spitze.
Aber drei Viertel halten das Fällen von Bäumen für schädlich,
obwohl das Pflanzen von Bäumen nur Sinn macht, wenn man sie auch ernten
will.
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Die Natur nimmt einen unbestrittenen Spitzenplatz in der Wertehierarchie
von jungen Menschen ein, 90% glauben ohne sie nicht auszukommen und plädieren
sogar für ein Recht auf Natur, fast ebensoviel gestehen Tieren ein
eigenständiges Lebensrecht und eine eigene Seele zu. Aber das Interesse
an der Natur nimmt stetig ab, rund die Hälfte hat nicht das geringste
Interesse daran, mehr über die Natur zu erfahren, nur 7% engagieren
sich eigenen Angaben zufolge aktiv für den Natur- oder Umweltschutz.
Die Distanz zwischen der alltäglichen Lebenswelt und ihrem natürlichen
Fundament wird immer größer. Jungen Menschen gerät ihre
natürliche Existenzgrundlage immer mehr aus dem Blickfeld. Was übrigbleibt,
ist ein widersprüchliches Patchwork aus Naturverklärung, Naturkulisse
und gedankenlosem Naturverbrauch.
Jugendreport Natur
Der neue Jugendreport Natur versucht diesen Widersprüchen auf den
Grund zu gehen und systematische Zusammenhängedahinter zu erkennen
- hier die ersten Befunde und Interpretationen:
Befragt
wurden jeweils 1.200 hessische Schüler/innen der Klassen 6, 9
und 12 (2002)
und 1200 Schüler/innen der Klassen 6 und 9 aus Bayern, Hessen
und NRW (2003, laufend, derzeitiger Auswertungsstand 450 Fragebogen)
Wissen über Natur
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Jugendlichen fehlen elementare Alltagskenntnisse: Nicht benennen
können
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44% die Früchte von Buchen (häufigster Waldbaum in Hessen)
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62% die Früchte des Kakaobaums (Basis des Schokoriegels)
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75% die Farbe der Vanillefrüchte (Lieblingsspeisen Eis, Pudding)
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90% die Früchte der Rose (mit Abstand jugendliche Lieblingsblume)
Interesse an Natur
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Das Interesse Jugendlicher an Pflanzen hat sich seit 1997 halbiert - statt
40% interessieren sich nur noch 20% für das Bestimmen unbekannter
Flora.
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Das Interesse an Tieren nimmt mit dem Alter stark ab: Während noch
60% der Sechstklässler gerne Tiere beobachten, sind es unter Neuntklässlern
nur noch 30%. Ähnliches gilt für Naturlehrpfade (Abnahme von
45% auf 20%) und die Wanderung mit dem Förster (Abnahme von 20% auf
10%. Älterwerden heißt offenbar mehr denn je Abschied nehmen
von der Natur.
Natur als Erlebnis
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Nur jeder zweite Jugendliche ist in der Lage, auf Befragen stichwortartig
ein eindrucksvolles Naturerlebnis zu beschreiben. Jüngere berichten
vor allem von der Begegnung mit Tieren beim Wandern und Spazieren, Ältere
vom Genuss schöner Landschaft beim Rasten.
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Die Neigung zu Fußaktivitäten in der freien Natur hat in den
letzten 5 Jahren deutlich abgenommen (mehr als 10% beim Wandern, Laufen,
Bergsteigen)
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Statt 80% feiern nur noch 60% gerne in der freien Natur. Dafür hat
die Neigung, beim Spazieren einen Walkman oder Diskman auf die Ohren zu
stülpen, von gut 40% auf knapp 50% zugenommen. 45% würden sich
über ein Handyverbot, 35% über ein Rauch- und Alkoholverbot beim
Wandern ärgern. Offenbar ist für viele Medienkids die Natur als
solche zu langweilig.
Natur als Wert
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Junge Menschen haben ein überzogen rosarotes Bild von der Natur. 70%
sehen in ihr pure Harmonie wirken und finden alles, was natürlich
ist, gut. 80% bejahen Naturschutzgebiete und finden, dass das Wild seine
Ruhe braucht. 90% behaupten, ohne Natur nicht leben zu können.
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Das wichtigste an der Natur ist ihnen jedoch, dass die Natur immer sauber
und aufgeräumt ist (95% Zustimmung). Das größte Vergehen
gegenüber der Natur ist daher, Abfall in ihr zurückzulassen.
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80% der Jugendlichen finden, dass Tiere ein Seele haben (Bäume:40%).
Natur-Nutzung
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90% halten Bäume pflanzen für wichtig, aber 75% finden, dass
Bäume fällen dem Wald schadet. Offenbar entgeht ihnen, dass man
Bäume nur dann extra pflanzt, wenn man hinterher auch ihr Holz ernten
will.
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Rund die Hälfte ist der Ansicht, dass die Jagd dem Wald schadet, und
hält Jäger für Tiermörder.
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Nur ein Viertel der McDonalds-Generation hält das Mästen von
Schweinen und Schlachten von Tieren für wichtig.
Ungereimtheiten und Widersprüche
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Der Mensch kommt im Naturbild Jugendlicher grundsätzlich nicht vor,
und sie selbst begreifen sich nicht als Naturwesen.
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Durch die Berührung mit dem Menschen verlieren Naturelemente aus jugendlicher
Sicht ihren Naturcharakter (Denaturierung von Pfirsichen durch Eindosung,
von Gemüse durch tiefgefrieren).
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Man gibt vor, ohne Natur nicht leben zu können, aber interessiert
sich nicht mehr sonderlich dafür.
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Man bekennt sich zum Naturschutz, aber kennt das Schutzobjekt nur noch
dürftig (Artenschutz ohne Artenkenntnis)
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Die Hochschätzung der Natur bleibt abstrakt und wird nicht auf die
eigene Person bezogen.
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Die wirtschaftliche Nutzung der Natur wird ausgeblendet und verdrängt.
Der Zusammenhang von Aufzucht und Ernte geht verloren
Schlussfolgerungen
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Die Natur besteht im Bewusstsein von Jugendlichen aus mindestens drei in
sich geschlossenen, aber weitgehend unverbundenen Segmenten
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Wert-Natur: abstrakt, autonom, wildwachsend, ohne Mensch, gut, wertvoll,
gefährdet, pflege- und schutzbedürftig
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Ich-Natur: natürliche Umwelt, Alltags-Natur, Kulisse, Konsum-
und Gebrauchsnatur, emotionaler Bezugspunkt
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Nutz-Natur: Objekt, Produkt- und Produktionsbasis, wirtschaftliche
Erschließung, wissenschaftlich-technische Beherrschung
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Das Bekenntnis zu Natur und Naturschutz (Wert-Natur) ist unabhängig
vom Naturwissen, von Freizeit-Vorlieben, von der sozialen Gruppenzugehörigkeit,
vom Wohnort (Stadt-Land) und hat keinen mobilisierenden Effekt.
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Mit Bezug auf die eigene Person bleiben die hohen Naturbekenntnisse folgenlos
(Ich-Natur).
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Die überlebensnotwendige Notwendigkeit zur wirtschaftlichen Nutzung
der Natur wird verdrängt und/oder aus der abstrakten Wert-Perspektive
moralisch verurteilt.
Wirkungen
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Das Bambi-Syndrom: Die Natur wird moralisiert und infantilisiert.
Aus jugendlicher Sicht ist sie gut, schön, sauber, harmonisch, seelenvoll,
hilflos, man darf sie nicht verletzen oder gar töten.
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Neue Natur-Religion: Die Wert-Natur übernimmt in ihrer
isolierten Überhöhung pseudoreligiöse Funktionen, die sich
besonders im Umfeld des Naturschutzes manifestieren.
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Das Nutzen-Tabu: Man weiß so gut wie nichts über die
Produktion von Existenzmitteln und will davon auch nichts wissen
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Das Schlachthaus-Paradox: Die Aufzucht von Tieren und Pflanzen
wird bejaht, die daraus resultierenden Produkte werden genossen, die Produktion
aber diffamiert.
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Das Nachhaltigkeits-Missverständnis: Ohne Verständnis
für die Notwendigkeit von Naturnutzung kann man das Nachhaltigkeitspostulat
nicht begreifen. Nur ein Drittel der Jugendlichen haben sich auf Nachfrage
dazu geäußert. Dabei wurde es zu 95 % durch Elemente der Naturschutz-Moral
ersetzt, die im Bewusstsein der Beteiligten offenbar das Verständnis
für eine nachhaltige Naturnutzung blockiert.