Bilder aus dem Marburger Studentenleben

Der Philipps-Universität zum 475. Gründungsjubiläum 2002

von Norbert Nail*

 

Über Marburger Studenten und – seit dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts – Studentinnen ist im Verlaufe der langen Geschichte der Philipps-Universität ungeheuer viel geschrieben worden (vgl. etwa die Literaturangaben unter: http://www.uni-marburg.de/bis/ueber_uns/dezbib/bibgw/bibbg/studbibl). Die Lebensumstände und Studienverhältnisse der Studiosen, ihre geistigen und körperlichen Aktivitäten, ihre Tugenden und Laster, ihre schillernden Organisationen, ihre akademischen Bräuche, ihr Verhältnis zu den Bürgern der Universitätsstadt wie überhaupt zum Staat und zur Obrigkeit, das Aufkommen des Frauenstudiums, die Studienzeit berühmter Persönlichkeiten, um nur einige wenige Themen aufzugreifen – all das ist mit unterschiedlichem historischen Tiefgang für Marburg relativ gut erforscht. Beklagen muß man das Fehlen einer zeitnahen Gesamtdarstellung zum Marburger Studentenleben, wie sie beispielhaft G. Heer mit seiner Festgabe zum 400jährigen Universitätsjubiläum vorgelegt hat: "Marburger Studentenleben 1527 bis 1927" (Marburg 1927). Heer ist nach heutigem Wissensstand in seinen damals zeitgeschichtlichen Passagen zur Situation an der Marburger Universität zwischen 1914 und 1926 zu ergänzen, ja streckenweise zu korrigieren (vgl. u. a. P. Krüger / A. Nagel, Hg.: Mechterstädt – 25.3.1920. Skandal und Krise in der Frühphase der Weimarer Republik. Münster 1997; A. Wettmann: Heimatfront Universität. Preußische Hochschulpolitik und die Universität Marburg im Ersten Weltkrieg. Köln 2000). Von 1927 rückblickend sei ferner auf eine materialreiche Arbeit zum Alltag der Marburger Stipendiaten verwiesen: H. Meyer zu Ermgassen: Tisch und Losament. Verköstigung und Unterbringung der Stipendiaten in Marburg. In: Studium und Stipendium. Untersuchungen zur Geschichte des hessischen Stipendiatenwesens. Hg. v. W. Heinemeyer. Marburg 1977, 101-240. Und natürlich sind weitere Jahrzehnte modernen Studentenlebens in Marburg nachzutragen. Die hier folgenden Abschnitte können diesen Überblick über nunmehr 475 Jahre Marburger Studentenleben nicht leisten. Sie wollen jedoch punktuell und exemplarisch Marburger Studenten und Studentenleben in ausgewählten Bildern dem Betrachter präsentieren und damit Appetit auf ausführlichere Marburg-Lektüre machen. - Eine Lücke im Schrifttum zum Marburger Studentenleben zwischen 1925 bis 1945 schließt nunmehr H. Zinn: Die Kameradschaften der Bünde der Deutschen Landsmannschaft (DL) und des Vertreter-Convents (VC) in den Jahren zwischen 1933 und 1945. Würzburg 2001 (Historia Academica; 40);  H. Zinn: Zwischen Republik und Diktatur. Die Studentenschaft der Philipps-Universität Marburg in den Jahren von 1925 bis 1945. Köln 2002 (Abhandlungen zum Studenten- und Hochschulwesen; 11).

1. Studententypen

 

1.1. Porträt des 19jährigen stud. theol. Johannes Magirus von 1576

Das Bild ist enthalten im Stammbuch des o. g. Studenten; letzteres wird in der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen unter dem Titel verwahrt: Egenolff, Christian: [Flores hesperidum] Flores hesperidvm. Pvlcherrimae plerorvmqve Graeciae comicorum Sententiae, cum duplici earum versione Latina, ... Stam oder Gesellenbuch. Mit vil schoenen Spruechen, auch allerley offnen Buergerlichen Schildten und Helmen / Christian Egenolff; [Henricus Stephanus]. – Franckfurt am Mayn, bey Georg Raben, in verlegung Matthes Harnisch, ... Heydelberg, 1574. (Sig. 8° Cod. Ms. hist. litt. 47/e; Frontispiz: Stammbuchbesitzer. – Die Bildwiedergabe erfolgt mit freundlicher Genehmigung der o. g. Bibliothek). Es ist die (bislang) älteste Abbildung eines Marburger Studenten, eine Aquarellfederzeichnung mit der Aufschrift am oberen Rande: Joannes Magirus Cass: Hessus.; rechts und links vom Kopf: ÆTATIS 19. AN:; unten: Marp: Anno Salutis 1.5.7.6. 4 Calend: Novēb [29. Oktober 1576]. Auf grünem Hintergrund präsentiert sich Johannes Magirus sitzend in Halbfigur. Er trägt einen hellbraunen Rock mit weißer Halskrause sowie eine barettartige Kopfbedeckung, dem linken Ärmel ist eine weiße Manschette vorgesetzt. In den Händen (die rechte Hand ist verzeichnet) hält er ein kleines Buch. – Johannes Magirus wurde am 9. Jan. 1577 als "Ioannes Garkoch Cassellanus" an der Marburger Universität immatrikuliert. Geboren zu Cassel 1558, starb er als Pastor in Braunschweig 1631. Bekannt wurde Magirus auch als Verfasser kirchenmusikalischer und musiktheoretischer Werke (vgl. W. Falckenheiner: Das Stammbuch eines Marburger Studenten aus dem Jahre 1576. In: Zeitschr. d. Ver. f. hess. Gesch. u. Landesk. 43 [N. F. 33], 1909, 89-96; E. Nolte: Johannes Magirus (1558-1631) und seine Musiktraktate. Marburg 1971; ferner: J. Caesar, Hg.: Catalogus Studiosorum Scholae Marpurgensis. Marburg 1875 ff.). - Alltagsleben hessischer Studenten im ausgehenden Renaissance-Zeitalter schildern: Briefe eines Marburger Studenten aus den Jahren 1606-1611. Hrsg. von G. Freiherr von der Ropp. Sonderabdruck aus der Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde N. F. Bd. XXIII.

 

1.2. Marburger Student von 1578

Heimlich und still Ist mein will

Studeren bei dage
Hoferen bei nacht
Haben die Studen-
ten In grosser acht.

Dulcis amica mea rosa vernans atque decora
Tu memor esto mei Sum memor ipse tui

[Etwa: Geliebte Freundin, meine Rose, frühlingshaft und reizend,
Denke stets an mich, ich selbst denke immer an dich.]

Leibhaben und selten sehen
Kan sunder [ohne] wehe nicht geschen.

Das Bild ist enthalten im Stammbuch des Rembert von Kersenbrock (Kerssenbroick, Kerßenbroch, Kerssenbruch), der im Oktober 1577 als "Rempertus de Kerschenbruch Brunsuicensis" in Marburg immatrikuliert wurde."‘Stifter‘ der Farbminiatur war ein Mitstudent Kersenbrocks, und zwar der am 20. Juni 1577 an der Philippina eingeschriebene Christopher Meier aus Tecklenburg. Auch der Maler ist bekannt: Barthold Paur – einer jener Brief- oder Wappenmaler, die in Universitätsstädten von der Sitte der Stammbuchmalerei profitierten. Eine in den 1890er Jahren nach Marburg gelangte Kopie des besagten Studentenbildnisses fand Aufnahme in Georg Heers ‚Marburger Studentenleben’ 1527 bis 1927‘ (Marburg 1927); diese wiederum war Vorlage" für die obige Wiedergabe (vgl. H. G. Bickert / N. Nail: Liebenswertes Lahn=Athen. Marburg 1992, 159 ff.; ferner: J. Kretzschmar: Das älteste Stammbuch der Marburger Universität. In: Zeitschr. d. Ver. f. hess. Gesch. u. Landesk. N. F. 21, 1896, 184-195; F. Küch: Marburger Student aus dem Jahre 1578. In: Hessen Kunst 1/1906). Das o. g. Stammbuch wurde zuletzt im Gymnasium Carolinum zu Osnabrück aufbewahrt und ist vermutlich im Zweiten Weltkrieg verbrannt. Als Stammbuch diente der bekannte "Emblematum Liber" (Lugduni [Lyon] 1566) des Mailänder Juristen Andrea Alciati (1492-1550). – Die aufwendige Tracht, Laute und Degen verraten den adeligen Studenten.

 

1.3. Marburger Student von 1591

Lakey hol wein! Junckfrau schenk ein!
Junckher sauf aus! – Bauer legt gelt aus

Aus dem Stammbuch des Valentin Pistorius aus Rendel in der Wetterau (UB Marburg, Mscr. 578 – mit herzlichem Dank an Dr. U. Bredehorn!). V. Pistorius ist 1588 als Schüler des Marburger Pädagogs nachgewiesen. Der Marburger Conrad Schütz gestaltete eigenhändig die kleine Trinkszene (21. Februar 1591); die (grobe) Tracht des Bauern – Kittel, Pumphosen, Stulpenstiefel – kontrastiert dabei auffällig mit der (feinen) Kleidung der übrigen Personen. Als Stammbuch fungierte einmal mehr eine mit "Durchschuß" (Leerseiten) versehene Ausgabe des "Emblematum Liber" (Frankfurt am Main 1567) von Andrea Alciati. Der hier abgebildete Text zum Emblem spielt – überaus passend – auf einen Müßiggänger (ardelio) an! (Vgl. auch H. G. Bickert / N. Nail: Liebenswertes Lahn=Athen. Marburg 1992, 196 f.).

 

1.4. Marburger Studenten von 1667

Auf einer über 4 Meter langen schmalen Rolle im Besitz des Hessischen Geschichtsvereins ist der Trauerzug für den am 9. April 1667 in Marburg gestorbenen Landkomthur des Deutschen Ordens Adolf Eitel von Nordeck zur Rabenau in naiver Wasserfarbenmalerei abgebildet. Alles was damals gesellschaftlichen Rang und Namen in Marburg und der näheren Umgebung hatte, nahm an dem Leichenbegängnis teil. Den Ratsherren und vornehmen Bürgern im Zug schließen sich paarweise 16 Studenten an. Diese tragen breitkrempige Hüte, zum Teil mit Trauerflor versehen, und dreiviertellange Mäntel, unter denen Pumphosen hervorschauen (vgl. C. Knetsch: Professoren und Studenten bei einer Trauerfeier im Jahre 1667. In: Festzeitung Philipps-Universität Marburg 1527-1927. Marburg, 23-25; zur Studentenkleidung im 16., 17. u. 18. Jahrhundert vgl. u. a. O. Dolch: Geschichte des Deutschen Studententhums [...]. Leipzig 1858, 93 ff., 222 ff., 254 ff.).

 

1.5. Academicus Marpurgensis um 1700

Nec Bacchum sector, cupidus nec adoro puellas:
Sed quoque nec Phoebi me mage serta trahunt.

[Etwa: Weder bin ich dem Bacchus zugetan, noch verehre ich leidenschaftlich die Mädchen:
Aber mehr zieht mich auch der Kranz der Wissenschaften nicht an.]

Kupfer des am 5.9.1714 in Augburg verstorbenen Kupferstechers Philipp Jakob Leidenhoffer. Das Bild zeigt einen nach neuester französischer Mode, d. h. kavaliermäßig gekleideten Studenten: dieser trägt einen Hut, Allongeperücke, Wams, einen breitschößigen, mit Stulpärmeln ausgestatteten und aufwendig bestickten Rock, Schals, Kniehosen, Seidenstrümpfe und Schnallenschuhe. Über den Fingern der linken Hand balanciert er elegante Handschuhe; ein Galanteriedegen vervollständigt die Tracht. (Abb. nach K. Konrad: Bilderkunde des deutschen Studentenwesens. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des deutschen Studententums. 2. Aufl. Breslau 1931, 23; vgl. auch: Talare, Wichs und Jeans. Zur Geschichte der Universitätskleidung in Marburg. Ausstellungskatalog. Marburg 1977, 26).

 

1.6. Marburger Studenten 1723

Wandgemälde des Düsseldorfer Malers Peter Janssen (1844-1908) in der Aula der Philipps-Universität vom Jahre 1903. Das Bild trägt die Unterschrift: Professor Christian Wolf wird von Marburger Studenten eingeholt. 1723. Es erinnert an den großen Aufklärungsphilosophen Christian Wolff (1679-1754), der durch Ordre vom 8.11.1723, die ihm den Strang androhte, von König Friedrich Wilhelm I. von Preußen seiner Professur entsetzt und aus Halle vertrieben worden war; er fand im gleichen Jahr Zuflucht in Marburg. Seine Lehrtätigkeit in Marburg (bis 1740) verlieh der Philippina besonderen Glanz und zog viele Studenten aus dem In- und Ausland in das damalige "Lahn=Athen", darunter den späteren Gründer der Moskauer Universität Michail W. Lomonosov (1711-1765). (Abb. nach: M. Lemberg / G. Oberlik: Die Wandgemälde von Peter Janssen in der Alten Aula der Philipps-Universität zu Marburg. Marburg 1985, 18 f.; vgl. ferner: P. Scheibert: Lomonosov, Christian Wolff und die Universität Marburg. In: Academia Marburgensis. Bd. 1. Marburg 1977, 231-240).

 

1.7. Marburger Student um 1751

In Marburg leb ich nach dem Stand  In Gießen Purschikōs u. fröhlich
In Herborn wie ein Candidat  In Rinteln mehr als einmal seelig.

Aus einem Gießener Stammbuch (nach: G. Heer: Marburger Studentenleben 1527 bis 1927. Marburg 1927, 17 u. 51). Gezeigt werden Studententypen der hessischen Universitäten Marburg (gegr. 1527), Gießen (gegr. 1607) und Rinteln (gegr. 1621) sowie der nassauischen Hohen Schule, der Johannea in Herborn (gegr. 1584), die besonders der Ausbildung reformierter Theologen diente. Der Gießener Student in einer Art Soldatentracht soll an das bekanntermaßen rauhe Gießener Burschenleben erinnern; der Marburger (Zopffrisur, roter Rock, weiße Weste, Wadenstrümpfe, Schnallenschuhe, Dressenhut unterm Arm), der außer dem Degen noch ein Spazierstöckchen trägt, steht für äußere Prachtentfaltung; der Rinteler gilt als lebenslustig, und der Herborner Student, calvinistisch streng erzogen, scheint das Lernen zu seiner Hauptbeschäftigung erkoren zu haben. Daß auch die Herborner Studiosi durchaus zu leben verstanden, liest man bei H. Haering: Die Spätzeit der Hohen Schule zu Herborn (1742-1817). Zwischen Orthodoxie und Aufklärung. Frankfurt am Main 1994, 274 ff.

 

1.8. Marburger Studenten um 1828

Kneiptafel Marburger Burschenschafter – mit schwarz-weiß-rotem Band, in der Tradition der 1818 gestifteten Burschenschaft Germania. Gemalt hat das Bild vielleicht der Theologie-Student Wilhelm Paulus, der sich am 30. April 1828 an der Philippina immatrikuliert hatte: "Guilielmus Burckhardus Paulus e pago Oberlistingen in Hassia inferiore".(Abb. – Stammbuchblatt? – aus: Unverz. Nachlaß G. Heer, Staatsarchiv Marburg 311 C 13; vgl. ferner: Th. Birt, Hg.: Catalogi studiosorum Marpurgensium cum annalibus coniuncti series recentior annos 1653-1829 complectens. Marburg 1903 ff.).

 

1.9. Silhouette des Corpsstudenten Wilhelm Liebknecht (1826-1900)

"[...] will ich gleich sagen, daß Marburg eine Studentenjagd hatte, [...] auf der jeder Student,
der sich einen Jagdschein verschaffen konnte, das Recht hatte, nach Herzenslust zu schießen."

                                                                                                             (W. Liebknecht 1976, 70)

Der Begründer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (1869, zusammen mit August Bebel) studierte von 1843 bis 1846 in seiner Heimatstadt Gießen Philologie und evangelische Theologie, zwischenzeitlich ein Semester in Berlin Philosophie und vom Herbst 1846 bis zum Sommersemester 1847 ebenfalls Philosophie an der Marburger Universität. Daneben ließ er sich in Gießen zum Zimmermann und in Marburg zum Büchsenmacher ausbilden, um gemäß seinen damaligen Plänen für eine Auswanderung nach Amerika auf die dortigen Verhältnisse gut vorbereitet zu sein. In Marburg bezog er eine Wohnung in der Wettergasse 9. – Das studentische Verbindungsleben lernte Liebknecht 1846 in Gießen (Eintritt in das Corps Rhenania) und 1847 in Marburg (rezipiert am 12. Januar bei Hasso-Nassovia) kennen; er selbst war dann in Marburg an der Gründung eines kurzzeitig bestehenden Corps Rhenania beteiligt. Doch schon im Juli 1847 verließ Liebknecht fluchtartig Marburg – seine Teilnahme an einem öffentlichen Vivat für den in jenen Jahren wohl bekanntesten hessischen Staatsgefangenen, den Schöpfer der kurhessischen Verfassung Sylvester Jordan (1792-1861), ließ einen Ortswechsel dringend angeraten erscheinen. Die Schweiz – und nicht Amerika – war dann das Ziel der Reise. (Abb. aus einem Stammbuch nach: P. Krause, "O alte Burschenherrlichkeit". 5. Aufl. Graz [u. a.] 1987, 108 f.; vgl. ferner: M. Bauer: Passage Marburg. Marburg 1994, 124-131; B. Händler-Lachmann: Wilhelm Liebknecht in Marburg. In: Universität und demokratische Bewegung. Marburg 1977, 63-71; Wilhelm Liebknecht, Erinnerungen eines Soldaten der Revolution. Zusammengestellt und eingeleitet von H. Gemkow. Illustrationen von G. Lerch. Berlin 1976.)

 

1.10. Marburger Couleur-Studenten um 1910

Nimm mich in deine trauten Gassen
Du alte Stadt der Musen auf.

Motiv aus der 1911 in der N. G. Elwert'schen Verlagsbuchhandlung, Marburg, erschienen Sammelmappe "Alt=Marburg" des realistisch-romantischen Landschaftsmalers Karl (Carl) Armbrust: Kugelgasse (Blick nach Osten). Der Maler wurde am 2.10.1867 in Itzehoe geboren, gestorben ist er am 27.7.1928 in Kassel. - Studentisches Lebensgefühl aus dem Marburg der Jahrhundertwende ist nachempfunden in: Der krasse Fuchs. Roman von Walter Bloem. Nachdruck der Ausgabe Leipzig: Grethlein 1911. Mit einem Nachwort von Holger Zinn. Köln 2001.

 

1.11. Marburger Studenten von 1920

Vorstehende Abbildungen sind entnommen: M. Klant, Hg.: Die Universität in der Karikatur. Böse Bilder aus der kuriosen Geschichte der Hochschulen. Hannover 1984, 142, und G. Grosz: Das Gesicht der herrschenden Klasse & Abrechnung folgt! Frankfurt a. M. 1972, 35. – Angespielt wird in beiden Karikaturen auf die blutigen Ereignisse vom 25. März 1920, als in der Nähe des westthüringischen Ortes Mechterstädt 15 als Aufrührer verdächtigte und in Haft genommene Arbeiter von einem Kommando zeitfreiwilliger Marburger Studenten "auf der Flucht" erschossen wurden. Die Tatbeteiligten, Angehörige des mehrheitlich aus Verbindungsstudenten bestehenden "Studentenkorps Marburg (Stu.=Ko.=Ma.)", das unmittelbar nach dem Kapp-Putsch (13.3.1920) und in Zusammenarbeit mit der Reichswehr zur Bekämpfung spartakistischer und rätedemokratischer Umtriebe in Thüringen eingesetzt war, wurden noch 1920 in zwei Gerichtsprozessen u. a. vom Vorwurf des "Totschlags unter rechtswidrigem Waffengebrauch" freigesprochen. Die Urteile erregten Abscheu und Protest in der demokratischen Öffentlichkeit der Weimarer Republik, wobei der schon bald aufkeimende Verdacht einer "Klassenjustiz" zugunsten der angeklagten Studenten später von der Forschung bestätigt werden sollte. Die formaljuristisch begründete Solidarisierung der damaligen Universitätsleitung sowie großer Teile des Lehrkörpers und der Studentenschaft mit den Tätern von Mechterstädt ruinierte in der Folge das Bild von der ansonsten so idyllischen Universitätsstadt Marburg. Um die Aufklärung der Vorfälle von Mechterstädt haben sich die beiden Marburger Studenten und nachmaligen Politiker G. W. Heinemann und E. Lemmer verdient gemacht. – Literatur zum Nachlesen: H. Duderstadt: Der Schrei nach dem Recht. "Die Tragödie von Mechterstädt". Marburg 1920. G. W. Heinemann: Wir müssen Demokraten sein. Tagebuch der Studienjahre 1919-1922. Herausgegeben von B. u. H. Gollwitzer. Mit einer Einführung von E. Jäckel. München 1980. P. Krüger; A. C. Nagel, Hgg.: Mechterstädt – 25.3.1920. Skandal und Krise in der Frühphase der Weimarer Republik. Münster 1997. E. Lemmer: Manches war doch anders. Erinnerungen eines deutschen Demokraten. Frankfurt a. M. 1968. H. Poppelbaum, W. Brüning, W. Vogt, Ph. Schütz (1993): Die Ereignisse von Mechterstädt in ihrem zeitgeschichtlichen Zusammenhang. In: Einst und Jetzt 38, 155-200. [K. Schaumlöffel:] Das Studentenkorps Marburg in Thüringen. Ein Kriegstagebuch im Frieden, verfaßt und zusammengestellt vom Stabsfeldwebel des Studentenkorps. Marburg 1920. H. Seier: Radikalisierung und Reform als Probleme der Universität Marburg 1918-1933. In: Academia Marburgensis. Bd. 1. Marburg 1977, 303-352. B. v. Selchow (1936): Hundert Tage aus meinem Leben. Leipzig. J. J. Weingartner: Massacre at Mechterstädt. The Case of the Marburger Studentencorps, 1920. In: The Historian 37 (1975), 598-618.

 

Postskriptum Oktober 2003: Das Geschehen vom März 1920 ist tief im kollektiven Bewußtsein der Menschen in der Region um Eisenach verhaftet, wie die liebevoll geschmückten Denkmäler auf dem Friedhof in Bad Thal und an der B 7 zwischen Mechterstädt und Teutleben noch heute bekunden.

 

1.12. Marburger Studentinnen 1929

O junge Mädchenherrlichkeit,
Welch neue Schwulitäten!
Bezieht ihr alle weit und breit
Die Universitäten!
Vergebens spähe ich umher
Ich finde keine Hausfrau mehr!
O jerum, jerum, jerum,
O quae mutatio rerum!

(Melodie: O alte Burschenherrlichkeit; aus: Liederbuch für Studentinnen. Straßburg 1910, 38)

Nachdem Frauen an ausländischen Universitäten (z. B. in der Schweiz, in Frankreich und in England) seit der Mitte des 19. Jahrhunderts der Zugang zu einem akademischen Studium ermöglicht wurde, konnten, bei entsprechender Vorbildung, seit der Wende zum 20. Jahrhundert auch in Deutschland Frauen zu einem regulären Universitätsstudium zugelassen werden. In Preußen, dem größten deutschen Bundesstaat, geschah dies im Jahre 1908. Die Immatrikulation bot für Frauen zunächst aber noch keine Gewähr, auch wirklich an jedem Kolleg teilnehmen oder jegliche Abschlußprüfung anstreben zu können. Darüber hinaus waren Studentinnen und Akademikerinnen in den Anfangsjahren des Frauenstudiums vielfältigen Behinderungen ausgesetzt, angefangen, in Marburg beispielsweise, bei der Nichtzulassung von Studentinnenvereinen zu den studentischen Hochschulorganen bis hin zu den Vorbehalten männlich dominierter Berufsverbände in den Krisenjahren der Weimarer Republik. Und natürlich befürchteten Stiefelputzer wie Zimmerwirtinnen vom Frauenstudium finanzielle Einbußen, weil von studierenden Frauen eine größere Eigenverantwortung (Putzen, Waschen, Flicken ...) für den studentischen Hausstand erwartet werden konnte. Im WS 1908/09 schrieben sich an der Philippina 27 Studentinnen ein, im Sommersemester 1925 waren es immerhin schon 298 oder 13,8% der örtlichen Studierenden. – Auf einem Graffito im Marburger Universitätskarzer aus dem Jahre 1929 (s. o.) unterteilt der Jura-Student und Burschenschafter (Rheinfranken) Wolfgang Wolff den Typus des "weiblichen Kommilitonen" in die strebsame, doch etwas altmodische Studentin und in die modebewußte, (Männer-) Blicke auf sich ziehende Studeuse. – Literatur: H. G. Bickert / N. Nail: Marburger Karzer-Buch. 15 Kapitel zum Universitätsgefängnis und zum historischen Studententum. 2. Aufl. Marburg 1995, 43 ff.; M. Lemberg: Es begann vor hundert Jahren. Die ersten Frauen an der Universität Marburg und die Studentinnenvereinigungen bis zur "Gleichschaltung" im Jahre 1934. Eine Ausstellung der Universitätsbibliothek Marburg vom 21. Januar bis 23. Februar 1997. Marburg 1997 (Schriften der Universitätsbibliothek Marburg; 76).

 

1.13. Marburger Studenten 1971 beim „Karger“ in Weidenhausen

 

Die Marburger Vorstadt Weidenhausen, am linken Lahn-Ufer gelegen und mit der Universität durch eine Brücke und zahlreiche Studenten verbunden, war zeitweilig ein beliebtes Wohnquartier. Kleine Kaufleute und Handwerker, Gastronomen und Rentiers hatten dereinst ungenutzte Dachböden, aufgelassene Werkstätten und ehemalige Ziegenställe in preisgünstige „Buden“ verwandelt. Standard waren Ofenheizung, Klo im Hof oder auf halber Treppe und Waschschüssel mit Wasserkrug. Intensivere Körperreinigung war ggf. in den Brause- und Wannenbädern des nahegelegenen Luisa-Bades (gegen Entgelt) oder unter den Duschen des Instituts für Leibesübungen am Plan (für lau) möglich. Für den kleinen wie für den großen Hunger standen mehrere Bäckereien und Metzgereien, eine Handlung für Molkerei-Produkte, ein EDEKA-Laden und ein Gemüsehändler zu Diensten. Es gab Friseure, Schuhmacher und eine Post. Nicht zu vergessen ab 1962 die Mensa academica auf der Weidenhäuser Seite der Stadt. Weidenhausen war „konsumentisch“ autark! Dies traf in besonderem Maße auf das Trinken zu. Für Durstige war Weidenhausen 22 Stunden lang „geöffnet“, angefangen, wer wollte, früh um 7.00 Uhr in der Gaststube der Bäckerei Karger und aufgehört am nächsten Morgen um 5.00 Uhr im verruchten „Moulin Rouge“. Ansonsten konnte man in Weidenhausen diverse Biersorten verkosten, etwa Biedenköpfer „Balbach“ in der Gaststätte „Hannes“ (mit Marburgs holprigster Kegelbahn) oder „Warsteiner“ in der „Lohmühle“ (berühmt für hausgemachte Bratwurst). Die hier abgebildete Runde trank „Licher“, vom Bäckermeister, Wirt und Mundart-Poeten Konrad Karger eingeschenkt. Den zumeist zögerlichen Aufbruch zur Sperrstunde nachts um 1.00 Uhr kommentierte dieser mit den Worten: „Habt'r denn keene Bettn zu Haus?“ - Die kleine Skizze besorgte Werner Guth, weiland Untermieter in der „Lohmühle“ und Verfasser des Romans „Leimbachs Rache“ (2003), dessen Protagonist just in Weidenhausen in eine sehr merkwürdige Geschichte verwickelt ist.

Wird fortgesetzt!

*© Dr. Norbert Nail (2001, 2005). – Ich danke den Studierenden meiner Übungen zur Marburger Studentenkultur vom WS 2000/2001 und vom SS 2001 für Anregungen und hilfreiche Kritik.